Vox-Latina-Gottingensis

Original und Nachdichtung

 P. Vergilius Maro

Ecloga X

Gallus

001

Gallus

Gönne ein Werk mir noch, o Nymphe der Quelle, dies letzte!

002

Wenige Verse - doch Lycoris sollte sie lesen -

003

Singe ich Gallus, dem Freund: wer weigerte Verse dem Gallus?

004

Möge das Meer mit dir seine bittere Welle nicht mischen,

005

Während du klar hinfleßest unter dem Busen Siziliens:

006

Fang an, ruheraubende Liebe des Gallus zu singen -

007

Noch beknappern das zarte Gestrüpp plattnasige Ziegen.

008

Auch nicht singen wir Tauben, widerhallen die Wälder.

009

Welcher Hain denn, welche Schlucht, jungfräuliche Mädchen,

010

Hielten euch, da Gallus verging in unseliger Liebe?

011

Denn es hinderten euch ja nicht die Höhen des Pindus,

012

Auch nicht die des Parnassus, noch die böotische Quelle.

013

Ihn beklagte der Lorbeer, beklagten alle Gebüsche,

014

Maenalus, fichtenbewachsen, um ihn, der in einsamer Schlucht lag,

015

Führte die Klage, es klagten die Felsen des eis'gen Lycaeus.

016

Ringsum stehen auch Schafe - sie kümmern sich unser;

017

Du auch, göttlicher Dichter, mißachte nicht ihre Herde:

018

Auch Adonis weidete Schafe nahe dem Flusse -,

019

Und der Schäfer kam, und langsam, träge der Schweinhirt,

020

Naß noch vom triefenden Winterfutter kam auch Menalcas.

021

Alle fragten: >>Woher diese Liebe?<< Es kam auch Apollo:

022

>>Gallus, was rasest du?<< sprach er. >>Lycoris, deine Geliebte,

023

Folgt einem andern durch Eis und Schnee und unwirtliche Lager.<<

024

Dann Silvanus, das Haupt geschmückt mit dem ländlichen Kranze:

025

Blühendes Steckenkraut und riesige schwankende Lilien.

026

Pan, Arkadiens Gott, kam; diesen sahen wir selber.

027

Rot sein Antlitz von Mennig und blutigen Beeren des Attich.

028

>>Findest nimmer ein Maß; was kümmert sich darum die Liebe!

029

Nie wird Liebe der Tränen satt, nie Auen der Bäche,

030

Blühenden Klees nie die Biene, noch würziger Blätter die Ziege.<<

031

Er aber antwortet traurig: >>Singet, Arkader, singt dennoch

032

Dieses auf euren Hügeln, denn ihr allein nur, Arkader,

033

Wisset zu singen. Wie sanft, ach, sollen meine Gebeine

034

Ruhen, wenn einst von meiner Liebe erzählt eure Flöte!

035

Ach, Daß ich einer von euch, und mitgehütet doch hätte

036

Euere Herde, und mitgekeltert die schwellenden Trauben!

037

Mir gehörte dann sicherlich Phyllis oder Amyntas,

038

Oder irgend jemand (was tät's, daß Amyntas so braun ist?

039

Dunkel sind auch die Veilchen, und Heidelbeeren sind dunkel)

040

Läge mit mir zwischen Weiden und unter den biegsamen Reben:

041

Phyllis bände Girlanden, Amyntas sänge mir Lieder.

042

Hier sind kühlende Quellen, hier üppige Wiesen, Lycoris,

043

Hier ein Hain; hier könnte ich altern mit dir und sterben.

044

Nun aber hält heillose Liebe in drückender Rüstung

045

Mitten mich unter Geschossen und hart anstürmenden Feinden:

046

Du so ferne der Heimat - dürft' ich's doch nimmermehr glauben!,

047

Grausame! Alpen und Schnee und den eisigen Winter am Rheine

048

Siehst du allein ohne mich. Daß dir der Winter nicht schade!

049

Ach, daß das scharfe Eis nicht die zarten Sohlen dir schneide!

050

Fort nun, und was ich gedichtet in chalcidischem Versmaß,

051

Will ich begleiten hier auf der einfachen Flöte des Hirten.

052

Jetzt ist's entschieden: in Wäldern zwischen den Höhlen des Wildes

053

Lieber entsag' ich und schneid' meiner Liebe Leiden in zarte

054

Bäume; sie werden wachsen, und mit ihnen wächst meine Liebe.

055

Ich will Arkadien durchwandern mitten im Reigen der Nymphen,

056

Jagen die hitzigen Eber, und niesoll mich hndern die Kälte,

057

Alle Parthenischen Schluchten mit Hunden rings zu umstellen.

058

Über die Hänge durch brausende Wälder seh' ich mich streifen,

059

Mir behagt's, von parthischem Bogen die kretischen Pfeile

060

sicher zu schnellen. - Wie denn? Soll das mir heilen den Wahnsinn?

061

Oder soll darum der Gott sich erbarmen des Jammers der Menschen?

062

Schon gefallen die Bäume mir nimmer, sogar meine Lieder

063

Selber gefallen mir nimmer; ihr Wälder auch lasset mich wieder.

064

Jene Liebe vermöchte nimmer zu wandeln unsere Mühsal:

065

Ob wir mitten im Frost der Maritza Wasser auch tränken,

066

Uns aussetzten dem stürmenden Schnee der thrakischen Winter,

067

Ob wir, wann schrumpfend der Bast eindorrt an ragender Ulme,

068

Schafe hüteten glühend in afrikanischer Sonne.

069

Alles besieget der Eros: wir auch weichen dem Eros.<<

070

Mag es, ihr Musen, genug sein, was euer Dichter gesungen,

071

Während er hier sitzt, aus dürrem Eibisch ein Körbchen sich flechtend,

072

Musen, mögt ihr dieses Lied doch teuer machen dem Gallus,

073

Gallus, zu dem meine Liebe so wächst mit jeglicher Stunde,

074

Wie im Lenz empor sich reckt die grünende Erle.

075

Stehen wir auf! Wacholder wirft verderblichen Schatten,

076

Sängern schadet oft Schatten; die Frucht auch verderben die Schatten.

077

Gehet gesättigt - der Abend naht - geht heim, meine Ziegen.

Theodor Haecker (1871 - 1945)

 

001

Extremum hunc, Arethusa, mihi concede laborem:

002

pauca meo Gallo, sed quae legat ipsa Lycoris,

003

carmina sunt dicenda: neget quis carmina Gallo ?

004

sic tibi, cum fluctus subterlabere Sicanos,

005

Doris amara suam non intermisceat undam,

006

incipe; sollicitos Galli dicamus amores,

007

dum tenera attondent simae virgulta capellae.

008

non canimus surdis, respondent omnia silvae.

009

Quae nemora aut qui vos saltus habuere, puellae

010

Naides, indigno cum Gallus amore peribat?

011

nam neque Parnasi vobis iuga, nam neque Pindi

012

ulla moram fecere, neque Aonie Aganippe.

013

illum etiam lauri, etiam flevere myricae,

014

pinifer illum etiam sola sub rupe iacentem

015

Maenalus, et gelidi fleverunt saxa Lycaei.

016

stant et oves circum (nostri nec paenitet illas,

017

nec te paeniteat pecoris, divine poeta;

018

et formosus ovis ad flumina pavit Adonis),

019

venit et opilio, tardi venere subulci,

020

uvidus hiberna venit de glande Menalcas.

021

omnes 'unde amor iste' rogant 'tibi?' venit Apollo,

022

' Galle, quid insanis ? ' inquit ' tua cura Lycoris

023

perque nives alium perque horrida castra secuta est.'

024

venit et agresti capitis Silvanus honore,

025

florentis ferulas et grandia lilia quassans.

026

Pan deus Arcadiae venit, quem vidimus ipsi

027

sanguineis ebuli bacis minioque rubentem.

028

'ecquis erit modus?' inquit 'Amor non talia curat,

029

nec lacrimis crudelis Amor nee gramina rivis

030

nee cytiso saturantur apes nec fronde capellae.'

031

tristis at ille ' tamen cantabitis, Arcades ' inquit

032

'montibus haec vestris, soli cantare periti

033

Arcades. o mihi tum quam molliter ossa quiescant,

034

vestra meos olim si fistula dicat amores !

035

atque utinam ex vobis unus vestrique fuissem

036

aut custos gregis aut maturae vinitor uvae !

037

certe sive mihi Phyllis sive esset Amyntas,

038

seu quicumque furor (quid tum, si fuscus Amyntas?

039

et nigrae violae sunt et vaccinia nigra),

040

mecum inter salices lenta sub vite iaceret;

041

serta mihi Phyllis legeret, cantaret Amyntas.

042

hic gelidi fontes, hic mollia prata, Lycori,

043

hic nemus; hic ipso tecum consumerer aevo.

044

nunc insanus amor duri me Martis in armis

045

tela inter media atque adversos detinet hostis.

046

tu procul a patria (nec sit mihi credere tantum)

047

Alpinas a, dura, nives et frigora Rheni

048

me sine sola vides. a, te ne frigora laedant !

049

a, tibi ne teneras glacies secet aspera plantas !

050

ibo et Chalcidico quae sunt mihi condita versu

051

carmina pastoris Siculi modulabor avena.

052

certum est in silvis inter spelaea ferarum

053

malle pati tenerisque meos incidere amores

054

arboribus: crescent illae, crescetis, amores.

055

interea mixtis lustrabo Maenala Nymphis,

056

aut acris venabor apros. non me ulla vetabunt

057

frigora Parthenios canibus circumdare saltus.

058

iam mihi per rupes videor lucosque sonantis

059

ire, libet Partho torquere Cydonia cornu

060

spicula&emdash;tamquam haec sit nostri medicina furoris,

061

aut deus ille malis hominum mitescere discat.

062

iam neque Hamadryades rursus neque carmina nobis

063

ipsa placent; ipsae rursus concedite silvae.

064

non illum nostri possunt mutare labores,

065

nec si frigoribus mediis Hebrumque bibamus,

066

Sithoniasque nives hiemis subeamus aquosae,

067

nec si, cum moriens alta liber aret in ulmo,

068

Aethiopum versemus ovis sub sidere Cancri.

069

omnia vincit Amor: et nos cedamus Amori.'

070

Haec sat erit, divae, vestrum cecinisse poetam,

071

dum sedet et gracili fiscellam texit hibisco,

072

Pierides: vos haec facietis maxima Gallo,

073

Gallo, cuius amor tantum mihi crescit in horas

074

quantum vere novo viridis se subicit alnus.

075

surgamus: solet esse gravis cantantibus umbra,

076

iuniperi gravis umbra; nocent et frugibus umbrae.

077

ite domum saturae, venit Hesperus, ite capellae.