Vox-Latina-Gottingensis

Original und Nachdichtung

 P. Vergilius Maro

Ecloga VIII

Die Zauberin

001

Flöte und Lieder des Damon und Alphesiboeus, der Hirten -

002

Als sie stritten, vergaßen der Weide die Rinder und horchten,

003

Ihre Lieder bannten wie Zauber die Lüchse, und Ströme

004

Änderten ihren Lauf und hielten ein und verweilten -,

005

Lieder des Damon und Alphesiboeus werde ich singen.

006

Pollio, der du vielleicht an Timavus' Mündung und Felsen

007

Schon vorbei, vielleicht an Illyriens Küste noch hinstreifst -

008

Geht mir denn je der Tag auf, da deine Taten ich singe,

009

Der mir vergönne, den Ruhm deiner Verse der Welt zu verkünden,

010

Sophokleischen hehren Weisen und nichts sonst vergleichbar?!

011

Dir mein Anfang und dir mein Ende! Nimm diese Verse,

012

Die geboren dein Wunsch, und laß um die Schläfe dir schlingen

013

Zwischen den Lorbeerkranz des Triumphators den Efeu!

014

Kaum war Dunkel und Schauer der Nacht vom Himmel gewichen,

015

Wann an zarten Gräsern den Tieren so köstlich der Tau blinkt,

016

Da begann Damon, gestützt auf den Stab aus Olivenholz, also:

017

Damon

>>Steige herauf, Lichtbringer, Herold der segnenden Sonne,

018

Stern du des Morgens, während ich klage, daß meine Liebe

019

Treulos Nysa betrogen, und die himmlischen Zeugen -

020

Ach, sie halfen mir nicht - in letzter Stunde noch rufe.

021

Spiele, spiel', meine Flöte, schmiege dich an meinem Liede!

022

Brausende Wälder hat Maenalus immer und rauschende Fichten,

023

Höret immer die Liebeslieder der Hirten, den Pan selbst,

024

Welcher zuerst aus stummen Rohren die Flöte geschaffen.

025

Spiele, spiel', meine Flöte, schmiege dich an meinem Liede!

026

Mopsus bekommt die Nysa: nun können alles erhoffen

027

Liebende! Nunmehr paaren sich Greife mit Pferden, und bald auch

028

Wird der furchtsame Damhirsch zur Tränke kommen mit Hunden.

029

Schneide dir, Mopsus, die Hochzeitsfackel: dir führt man die Braut zu,

030

Nüsse wirf unter die Kinder: für dich geht am Abend der Stern auf!

031

Spiele, spiel', meine Flöte, schmiege dich an meinem Liede!

032

Oh, einem sauberen Manne Vermählte, die sonst doch verachtet

033

Alle, und der meine Ziegen wie meine Flöte verhaßt sind,

034

Meiner Augen buschige Brauen, mein zottiger Bocksbart;

035

Die du nicht glaubst, daß Götter bestrafen den Frevel der Menschen!

036

Spiele, spiel', meine Flöte, schmiege dich an meinem Liede!

037

Warst noch ein Kind; in unserem heckenumfriedeten Garten

038

Sah ich dich mit deiner Mutter pflücken die tauigen Äpfel

039

(Ich durft' euch führen), ins zwölfte Jahr war ich eben getreten,

040

Konnte vom Boden grad' die zierlichen Zweige berühren,

041

Wie ich dich sah, wie verging ich! Heillose Begierde mich hinriß!

042

Spiele, spiel', meine Flöte, schmiege dich an meinem Liede!

043

Eros, nun weiß ich, wer Eros ist! Auf zackigen Felsen

044

Ward er, auf Tmaros, auf Rhodope oder im äußersten Libyen,

045

Unsres Geschlechts nicht, nicht unsres Blutes, ein Knabe, geboren.

046

Spiele, spiel', meine Flöte, schmiege dich an meinem Liede!

047

Furchtbarer Eros, du lehrtest die Mutter die Hände besudeln

048

Mit ihrer Söhne Blut, du bist grausam; aber, o Mutter,

049

Grausam bist auch du - doch ruchloser wahrlich ist Eros.

050

Spiele, spiel', meine Flöte, schmiege dich an meinem Liede!

051

Nunmehr sei es der Wolf, der flieht vor den Schafen, und harte

052

Eiche trage die goldenen Äpfel, der Erle entblühe

053

Strahlend Narzisse, die Rinde des Sumpfstrauchs schwitze den Bernstein,

054

Käuzchen nehm' mit dem Schwan es auf, und Tityrus sei wie

055

Orpheus, Orpheus in Wäldern, Arion zwischen Delphinen!

056

Spiele, spiel', meine Flöte, schmiege dich an meinem Liede!

057

Mag das Meer nun verschlingen die Erde. Lebt wohl, meine Wälder!

058

Jäh kopfüber vom Gipfel des ragenden Bergs in die Wogen

059

Stürz' ich mich; als letztes Geschenk empfange mein Leben!

060

Laß, ach laß, meine Flöte, das Spielen, lasse die Lieder

061

Also sang Damon: was dann erwidert Alphesiboeus,

062

Sagt, o Musen, selber! Sterbliche können nicht alles.

063

Alphesiboeus

>>Wasser bring' her, umwind die Altäre mit wollenen Binden,

064

Zünd' an grüne saftige Kräuter, den kräftigen Weihrauch,

065

Daß ich mit magischen Riten versuche zu wenden des Liebsten

066

Seele zu mir. hier fehlt nichts mehr, hier fehlen nur Schwüre.

067

Bringt aus der Stadt mir heim, meine Schwüre, bringet den Daphnis!

068

Schwüre können den Mond herunterzerren vom Himmel;

069

Circe mit Schwüren hat des Odysseus Gefährten verwandelt;

070

Eisige Schlangen zerbersten auf Wiesen durch die Beschwörung.

071

Bringt aus der Stadt mir heim, meine Schwüre, bringet den Daphnis!

072

Drei der Fäden zunächst von dreifach verschiedener Farbe

073

Winde ich um dich und trages dieses dein Bild nun dreimal

074

Um die Altäre; nämlich die Gottheit hat Lust an der Dreizahl.

075

Bringt aus der Stadt mir heim, meine Schwüre, bringet den Daphnis!

076

Dreimal knüpfe die Knoten der dreifarbigen Fäden,

077

Rasch, Amaryllis, und sprich: >Ich knüfe die Fessel der Liebe.<

078

Bringt aus der Stadt mir heim, meine Schwüre, bringet den Daphnis!

079

Wie dies Lehmbild nun hart macht, wie dies Wachsbild nun zart macht

080

Ein und dasselbige Feuer: so werde die Liebe des Daphnis.

081

Opfersalz streue: entzünde mit Erdpech den knisternden Lorbeer! -

082

Daphnis verbrennt mir das herz: auf Daphnis verbrenn' ich den Lorbeer.

083

Bringt aus der Stadt mir heim, meine Schwüre, bringet den Daphnis!

084

Solche Sehnsucht erfasse den Daphnis, wie eine Färse,

085

Welche erschöpft, da den Stier sie in Hain und Lichtung des Bergwalds

086

Immer gesucht, am rieselnden Bach hinfällt in das Sumpfgras,

087

Aufgelöst, und vergißt, der Kühle der Nacht zu entrinnen -

088

Solche Begierde erfaß ihn, und nimmer will ich sie heilen.

089

Bringt aus der Stadt mir heim, meine Schwüre, bringet den Daphnis!

090

Treuloser, diese Gewänder von dir ließt du einst zurück mir,

091

Teure Pfänder von dir, die ich hier jetzt unter der Schwelle,

092

Erde, dir übergeb'. Diese Pfänder bürgen für Daphnis.

093

Bringt aus der Stadt mir heim, meine Schwüre, bringet den Daphnis!

094

Diese Kräuter voll Zauber und Gifte in Kolchis gesammelt

095

Moeris selber mir gab (sie wachsen in Fülle in Kolchis).

096

Oft schon ward Moeris durch sie zum Wolf und verbarg sich im Walde,

097

Rief aus Tiefen der Gräber herauf die Seelen Verstorbner,

098

Hexte die ernteverheißende Saat in anderen Boden.

099

Bringt aus der Stadt mir heim, meine Schwüre, bringet den Daphnis!

100

Asch heraus, Amaryllis, mit abgewendetem Antlitz

101

Wirf in den Fluß sie, sieh nimmer zurück! denn damit befall ich

102

Daphnis, der um Götter sich nicht, um Schwüre nicht kümmert.

103

Bringt aus der Stadt mir heim, meine Schwüre, bringet den Daphnis!

104

Sieh doch! Wie ich die Asche zu holen noch zögere, lodert

105

Flackerndes Feuer aus ihr und ergreift die Altäre. Oh, Heil uns!

106

Etwas bedeutet's. Und horch' doch! Hylax bellt an der Schwelle.

107

Glaub' ich's?! Schafft nicht, wer liebt, nur immer selbst sich ein Traumbild?!

108

Lasset Ihn nun, meine Schwüre, laßt ihn! Daphnis kommt heim jetzt.<<

Theodor Haecker (1871 - 1945)

 

001

Pastorum Musam Damonis et Alphesiboei,

002

immemor herbarum quos est mirata iuvenca

003

certantis, quorum stupefactae carmine lynces,

004

et mutata suos requierunt flumina cursus,

005

Damonis Musam dicemus et Alphesiboei.

006

Tu mihi seu magni superas iam saxa Timavi,

007

sive oram Illyrici legis aequoris, - en erit umquam

008

ille dies, mihi cum liceat tua dicere facta?

009

en erit ut liceat totum mihi ferre per orbem

010

sola Sophocleo tua carmina digna coturno?

011

a te principium, tibi desinam: accipe iussis

012

carmina coepta tuis, atque hanc sine tempora circum

013

inter victricis hederam tibi serpere lauros.

014

Frigida vix caelo noctis decesserat umbra,

015

cum ros in tenera pecori gratissimus herba:

016

incumbens tereti Damon sic coepit olivae.

017

Damon

Nascere praeque diem veniens age, Lucifer, almum,

018

coniugis indigno Nysae deceptus amore

019

dum queror et divos, quamquam nil testibus illis

020

profeci, extrema moriens tamen adloquor hora.

021

incipe Maenalios mecum, mea tibia, versus.

022

Maenalus argutumque nemus pinusque loquentis

023

semper habet, semper pastorum ille audit amores

024

Panaque, qui primus calamos non passus inertis.

025

incipe Maenalios mecum, mea tibia, versus.

026

Mopso Nysa datur: quid non speremus amantes?

027

iungentur iam grypes equis, aevoque sequenti

028

cum canibus timidi venient ad pocula dammae.

028 a

incipe Maenalios mecum, mea tibia, versus. Anm.1

029

Mopse, novas incide faces: tibi ducitur uxor.

030

sparge, marite, nuces: tibi deserit Hesperus Oetam.

031

incipe Maenalios mecum, mea tibia, versus

032

o digno coniuncta viro, dum despicis omnis,

033

dumque tibi est odio mea fistula, dumque capellae

034

hirsutumque supercilium promissaque barba,

035

nec curare deum credis mortalia quemquam -

036

incipe Maenalios mecum, mea tibia, versus -

037

saepibus in nostris parvam te roscida mala

038

(dux ego vester eram) vidi cum matre legentem.

039

alter ab undecimo tum me iam acceperat annus,

040

iam fragilis poteram a terra contingere ramos:

041

ut vidi, ut perii, ut me malus abstulit error !

042

incipe Maenalios mecum, mea tibia, versus.

043

nunc scio quid sit Amor: duris in cotibus illum

044

aut Tmaros aut Rhodope aut extremi Garamantes

045

nec generis nostri puerum nec sanguinis edunt.

046

incipe Maenalios mecum, mea tibia, versus.

047

saevus Amor docuit natorum sanguine matrem

048

commaculare manus; crudelis tu quoque, mater:

049

crudelis mater magis, an puer improbus ille?

050

improbus ille puer; crudelis tu quoque, mater.

051

incipe Maenalios mecum, mea tibia, versus.

052

nunc et ovis ultro fugiat lupus, aurea durae

053

mala ferant quercus, narcisso floreat alnus,

054

pinguia corticibus sudent electra myricae,

055

certent et cycnis ululae, sit Tityrus Orpheus,

056

Orpheus in silvis, inter delphinas Arion -

057

incipe Maenalios mecum, mea tibia, versus -

058

omnia vel medium fiat mare. vivite silvae:

059

praeceps aerii specula de montis in undas

060

deferar; extremum hoc munus morientis habeto.

061

desine Maenalios, iam desine, tibia, versus.

062

Haec Damon: vos, quae responderit Alphesiboeus,

063

dicite, Pierides; non omnia possumus omnes.

064

Alphesiboeus

Effer aquam et molli cinge haec altaria vitta,

065

verbenasque adole pinguis et mascula tura,

066

coniugis ut magicis sanos avertere sacris

067

experiar sensus; nihil hic nisi carmina desunt.

068

ducite ab urbe domum, mea carmina, ducite Daphnim.

069

carmina vel caelo possunt deducere Lunam,

070

carminibus Circe socios mutavit Ulixi,

071

frigidus in pratis cantando rumpitur anguis.

072

ducite ab urbe domum, mea carmina,ducite Daphnim.

073

terna tibi haec primum triplici diversa colore

074

licia circumdo, terque haec altaria circum

075

effigiem duco; numero deus impare gaudet.

076

ducite ab urbe domum, mea carmina, ducite Daphnim.

077

necte tribus nodis ternos, Amarylli, colores;

078

necte, Amarylli, modo et ' Veneris ' dic ' vincula necto.'

079

ducite ab urbe domum, mea carmina, ducite Daphnim.

080

Iimus ut hic durescit, et haec ut cera liquescit

081

uno eodemque igni, sic nostro Daphnis amore.

082

sparge molam et fragilis incende bitumine lauros.

083

Daphnis me malus urit, ego hanc in Daphnide laurum.

084

ducite ab urbe domum, mea carmina, ducite Daphnim.

085

talis amor Daphnim qualis cum fessa iuvencum

086

per nemora atque altos quaerendo bucula lucos

087

propter aquae rivum viridi procumbit in ulva

088

perdita, nec serae meminit decedere nocti,

089

talis amor teneat, nec sit mihi cura mederi.

090

ducite ab urbe domum, mea carmina, ducite Daphnim.

091

has olim exuvias mihi perfidus ille reliquit,

092

pignora cara sui: quae nunc ego limine in ipso,

093

terra, tibi mando; debent haec pignora Daphnim.

094

ducite ab urbe domum, mea carmina, ducite Daphnim.

095

has herbas atque haec Ponto mihi lecta venena

096

ipse dedit Moeris (nascuntur plurima Ponto);

097

his ego saepe lupum fieri et se condere silvis

098

Moerim, saepe animas imis excire sepulcris,

099

atque satas alio vidi traducere messis.

100

ducite ab urbe domum, mea carmina, ducite Daphnim

101

fer cineres, Amarylli, foras rivoque fluenti

102

transque caput iace, nec respexeris. his ego Daphnim

103

adgrediar; nihil ille deos, nil carmina curat.

104

ducite ab urbe domum, mea carmina, ducite Daphnim.

105

aspice: corripuit tremulis altaria flammis

106

sponte sua, dum ferre moror. cinis ipse. bonum sit !

107

nescio quid certe est, et Hylax in limine latrat.

108

credimus? an, qui amant, ipsi sibi somnia fingunt?

109

parcite, ab urbe venit, iam parcite carmina, Daphnis.

Anmerkung 1: Vers 28a im lateinischen Text hat nur ein codex, alle anderen nicht! Daher verschiebt sich ab Vers 27 bei Theodor Hecker um einen Vers.

Ecloga IX