Vox-Latina-Gottingensis

Original und Nachdichtung

 P. Vergilius Maro

Ecloga VI

Silenus

001

Meine Muse zuerst hatte Lust an munteren Strophen

002

Und errötete nie, in Wäldern und Auen zu hausen.

003

Als von Fürsten, von Schlachten ich sang, da zupfte Apollo

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Mahnend am Ohr mich: >>Hirten, o Tityrus, ziemt es, die fetten

005

Schafe zu weiden und in gedämpfterem Tone zu singen.<<

006

Heute auch will ich - es bleiben genug ja übrig, begierig

007

Dich, o Varus, zu preisen und traurige Kriege zu schildern -

008

Ländliche Strophen ersinnen auf dieser einfachen Flöte.

009

Ohne Geheiß nicht sing' ich. wenn dennoch einer auch dieses

010

Liest, von der Liebe erfaßt: von dir, o Varus, sie reden,

011

All meine Sträucher und Haine; kein Blatt ist so lieb dem Apollo

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Wie eins, auf dem des Varus Namen als Widmung geschrieben.

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Fahrt fort, Musen, Mnasyllos und Chromis, zwei Jünglinge, sahen

014

in einer Grotte liegen Silenus vom Schlaf überwältigt,

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Schwellend wie immer die Adern vom Wein, den er gestern getrunken;

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Wie wenn eben vom Haupte geglitten, lag abseits sein Kranz noch,

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Hing der gewichtige Humpen am abgegriffenen Henkel.

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Darauf gingen beide - denn oft schon betrog der Greis ihr Erwarten,

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Lieder zu hören - und flochten aus eigenem Kranz ihm die Fessel.

020

Ihnen gesellte sich Aegle und brachte den Ängstlichen Hilfe;

021

Aegle, aller Najaden die schönste, wie er erwacht schon,

022

Färbt ihm die Stirn und die Schläfen mit blutrotem Safte der Maulbeern.

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Der aber lacht zu dem Streich und schreit: Was knüpft ihr mir Fesseln?

024

Lasset, Kinder, mich los; es genügt, daß ihr mich ertappt habt.

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Hört jetzt die Lieder, die ihr begehrt, und nehmt sie zum Lohne -

026

Die da bekommt etwas anders!!<< Und zugleich auch begann er.

027

Siehe, da tanzen im Rhythmus, im Takte die Faunen und Bestien,

028

Schütteln im takt ihre Wipfel die steil aufragenden Eichen;

029

Solche Freude hat nicht an Apollo der fels'ge Parnassos,

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So verzaubert sind nicht von Orpheus die thrakischen Berge.

031

Denn er sang, wie im unermeßlichen Nichts die Atome

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Alle der Erde, der Luft und des Wassers verdichtet sich fügten,

033

Auch des ätherischen Feuers, und wie aus dem Urstoff entstanden

034

Alles, ja selbst der Kreis des edleren Himmels sich wölbte;

035

Wie dann die Erde fest ward, das Meer sich schied von der Feste,

036

Und wie langsam geformt und gestaltet die Dinge sich zeigten,

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Alle die Länder staunend die junge Sonne begrüßen,

038

Und aus entrückten Wolken hochher strömet der Regen;

039

Wie dann erstmals Wälder erstehen, und einzelne Tiere

040

Irren durch das Gebirge, das solches noch niemals erschaut hat.

041

Dann von den Steinen die Pyrrha geworfen, Saturnischem Aeon,

042

Von des Prometheus Diebstahl und Leiden am Fels durch den Adler.

043

Singt von der Quelle, an der die Schiffer den Hylas verloren,

044

Rufend, daß rings die Gestade all hallten: >>Hylas, o Hylas!<<

045

Und von Pasiphaë - glücklich, hätt' es nie Rinder gegeben -,

046

Wie ihre Glut sie kühlt in der Liebe zum schneeigen Stiere.

047

Ah, unseliges Weib, welch ein Wahnsinn hat dich ergriffen!

048

Proteus' Töchter erfüllten die Felder mit täuschendem Brüllen:

049

Dennoch ist keine so schimpflicher Leidenschaft jemals erlegen,

050

Ob sie doch gleich im Wahne das Joch schon gespürt auf dem Nacken,

051

Oft an der glatten Stirne getastet, ob Hörner nicht wüchsen.

052

Ah, unseliges Weib, nun irrst du umher im Gebirge.

053

Jener, auf Hyazinthen gebettet die schneeige Flanke,

054

Kaut dort unter der dunklen Eiche die hellgrünen Kräuter,

055

Oder verfolgt aus der großen Herd' eine. >>Sperret, o Nymphen,

056

Nymphen von Kreta, sperrt ab zu Auen und Wäldern die Pässe,

057

Ob nicht von ungefähr doch die Spuren des schweifenden Stieres

058

Irgenwo finde mein Auge - es möchte ja sein doch, daß schließlich

059

Von einem Kraute verlockt oder selber folgend der Herde

060

Heim ihn brächten die Kühe zu unseren kretischen Ställen.<<

061

Hierauf singt er vom Mädchen, verlockt von den goldenen Äpfeln,

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Kleidet um Helios' Töchter Moos und bittere Rinde,

063

Läßt sie als schlank aufsteigende Erlen entwachsen dem Boden.

064

Darauf singt er von Gallus, wandelnd am Flusse Permessus,

065

Wie ihn der Göttinnen eine geführt zum Aonischen Hügel,

066

Wie sich erhoben vor ihm, dem Mann, alle Musen Apollos,

067

Wie zu ihm Linus, der Hirt des unsterblichen Liedes, die Haare

068

Schön bekränzt mit Blüten und bitterem Eppich, gesprochen:

069

>>Nimm diese Flöte, es schenken die Musen sie dir, Hesiod einst

070

Spielte als Greis sie: mit ihr und seinen Gesängen vermocht' er

071

Starrende Eschen vom Berge zu locken, daß sie ihm folgten.

072

Du sollst singen auf ihr den Ursprung des äolischen Waldes,

073

Daß da kein Hain sei, dessen Apollo höher sich rühme.<<

074

Was sang er noch?! Daß von Scylla, des Nisus Tochter, erzählt wird,

075

Ihre strahlenden Hüften umgürtet mit kläffenden Monstren,

076

Hab' des Odysseus Schiff sie bedrängt, und im gurgelnden Strudel

077

Hätten die bebenden Fischer zerfleischt ihre scheußlichen Hunde;

078

Auch von des Tereus verwandelter Form erzählt er vieles,

079

Von dem Mahle der Philomene und ihren Geschenken,

080

Wie sie im Fluge die Wüste erreicht und mit ruhlosen Schwingen

081

Doch noch zuvor, unselig, das Dach ihres Heimes umflattert!

082

Alles, was einst Apollo sang und Eurotas glückselig

083

Hörte, was er vom Lorbeer gebot für immer zu lernen -

084

Alles sang jener - die Berge trugen das Echo zum Himmel -,

085

Bis die Schafe zum Stalle zu treiben und dann sie zu zählen

086

Nahender Abend uns zwang - sein Stern war niemand willkommen.

Theodor Haecker (1871 - 1945)

 

001

Prima Syracosio dignata est ludere versu

002

nostra neque erubuit silvas habitare Thalia.

003

cum canerem reges et proelia, Cynthius aurem

004

vellit et admonuit: 'pastorem, Tityre, pinguis

005

pascere oportet ovis, deductum dicere carmen.'

006

nunc ego (namque super tibi erunt qui dicere laudes,

007

Vare, tuas cupiant et tristia condere bella)

008

agrestem tenui meditabor harundine Musam.

009

non iniussa cano. si quis tamen haec quoque, si quis

010

captus amore leget, te nostrae, Vare, myricae,

011

te nemus omne canet; nec Phoebo gratior ulla est

012

quam sibi quae Vari praescripsit pagina nomen.

013

Pergite, Pierides. Chromis et Mnasyllus in antro

014

Silenum pueri somno videre iacentem,

015

inflatum hesterno venas, ut semper, Iaccho;

016

serta procul tantum capiti delapsa iacebant,

017

et gravis attrita pendebat cantharus ansa

018

adgressi (nam saepe senex spe carminis ambo

019

luserat) iniciunt ipsis ex vincula sertis.

020

addit se sociam timidisque supervenit Aegle,

021

Aegle Naiadum pulcherrima, iamque videnti

022

sanguineis frontem moris et tempora pingit.

023

ille dolum ridens 'quo vincula nectitis?' inquit.

024

'solvite me, pueri; satis est potuisse videri.

025

carmina quae vultis cognoscite; carmina vobis,

026

huic aliud mercedis erit.' simul incipit ipse.

027

tum vero in numerum Faunosque ferasque videres

028

ludere, tum rigidas motare cacumina quercus;

029

nec tantum Phoebo gaudet Parnasia rupes,

030

nec tantum Rhodope miratur et Ismarus Orphea.

031

Namque canebat uti magnum per inane coacta

032

semina terrarumque animaeque marisque fuissent

033

et liquidi simul ignis; ut his exordia primis

034

omnia et ipse tener mundi concreverit orbis;

035

tum durare solum et discludere Nerea ponto

036

coeperit et rerum paulatim sumere formas;

037

iamque novum terrae stupeant lucescere solem,

038

altius atque cadant summotis nubibus imbres;

039

incipiant silvae cum primum surgere, cumque

040

rara per ignaros errent animalia montis.

041

hinc lapides Pyrrhae iactos, Saturnia regna,

042

Caucasiasque refert volucris furtumque Promethei.

043

his adiungit, Hylan nautae quo fonte relictum

044

clamassent, ut litus 'Hyla, Hyla' omne sonaret;

045

et fortunatam, si numquam armenta fuissent,

046

Pasiphaen nivei solatur amore iuvenci.

047

a, virgo infelix, quae te dementia cepit!

048

Proetides implerunt falsis mugitibus agros,

049

at non tam turpis pecudum tamen ulla secuta

050

concubitus, quamvis collo timuisset aratrum,

051

et saepe in levi quaesisset cornua fronte.

052

a, virgo infelix, tu nunc in montibus erras:

053

ille latus niveum molli fultus hyacintho

054

ilice sub nigra pallentis ruminat herbas

055

aut aliquam in magno sequitur grege. ' claudite, Nymphae,

056

Dictaeae Nymphae, nemorum iam claudite saltus,

057

si qua forte ferant oculis sese obvia nostris

058

errabunda bovis vestigia; forsitan illum

059

aut herba captum viridi aut armenta secutum

060

perducant aliquae stabula ad Gortynia vaccae.'

061

tum canit Hesperidum miratam mala puellam;

062

tum Phaethontiadas musco circumdat amarae

063

corticis atque solo proceras erigit alnos.

064

tum canit errantem Permessi ad flumina Gallum

065

Aonas in montis ut duxerit una sororum,

066

utque viro Phoebi chorus adsurrexerit omnis;

067

ut Linus haec illi divino carmine pastor

068

floribus atque apio crinis ornatus amaro

069

dixerit: 'hos tibi dant calamos, en accipe, Musae,

070

Ascraeo quos ante seni, quibus ille solebat

071

cantando rigidas deducere montibus ornos.

072

his tibi Grynei nemoris dicatur origo,

073

ne quis sit lucus quo se plus iactet Apollo.'

074

quid loquar aut Scyllam Nisi, quam fama secuta est

075

candida succinctam latrantibus inguina monstris

076

Dulichias vexasse rates et gurgite in alto,

077

a, timidos nautas canibus lacerasse marinis,

078

aut ut mutatos Terei narraverit artus,

079

quas illi Philomela dapes, quae dona pararit,

080

quo cursu deserta petiverit et quibus ante

081

infelix sua tecta super volitaverit alis?

082

omnia, quae Phoebo quondam meditante beatus

083

audiit Eurotas iussitque ediscere lauros,

084

ille canit (pulsae referunt ad sidera valles),

085

cogere donec ovis stabulis numerumque referre

086

iussit et invito processit Vesper Olympo.

Ecloga VII