Vox-Latina-Gottingensis

Original und Nachdichtung

 P. Vergilius Maro

Ecloga V

Daphnis

001

Menalcas

Warum sollten wir nicht, o Mopsus, da wir uns treffen,

002

Beide begabt - du: Flöte zu blasen, ich: Lieder zu singen -,

003

Hier uns setzen zwischen den Haselbüschen und Ulmen?

004

Mopsus

Du bist der Ältere; dir zu gehorchen, geziemt mir, Menalcas,

005

Ob wir bei sanftem West unter spielende Lichter und Schatten

006

Treten oder zur Grotte. So sieh nur, wie diese Grotte

007

Wilder Wein mit Beeren hie und da schon umranket!

008

Menalcas

Hier auf den Bergen nimmt es mit dir nur auf noch Amyntas.

009

Mopsus

Freilich, der will ja im Singen Apollo sogar übertreffen.

010

Menalcas

Fang an, Mopsus, als erster, ein Lied von der Liebe der Phyllis,

011

oder zu Alcons Preis, oder auf Codrus ein Schmählied -

012

Fang an! Tityrus hütet dir schon die weidenden Böcklein.

013

Mopsus

Nein, ich will ein andres probieren, das neulich in frische

014

Rinde der Buche zugleich mit der Melodie ich geritzt hab':

015

Dann mag Amyntas wetteifern mit mir noch, wenn es dein Wunsch ist.

016

Menalcas

Wie die schwanke Weide weichet dem silbrigen Ölbaum,

017

Und die gewöhnliche Narde Granat und Purpur der Rosen,

018

So sehr weichet Amyntas dir auch nach unserem Urteil.

019

Doch nun nichts mehr davon, o Jüngling: wir sind in der Grotte.

020

Mopsus

Daphnis, hingerafft durch grausames Scicksal, beweinten

021

Laut die Nymphen - ihr Haseln und Bäche wart Zeugen den Nymphen! -,

022

Als umarmend den mitleiderweckenden Leichnam des Sohnes

023

Götter zugleich und die Sterne grausam nannte die Mutter.

024

Niemand in diesen Tagen, o Daphnis, hat von der Weide

025

Fort zu dem Flusse getrieben die Rinder, nicht eines der Tiere

026

Hat am kühlen Bache genippt, noch ein Blättchen berühret.

027

Daß, o Daphnis, bei deinem Tode die nubischen Löwen

028

Jammernd gebrüllt, bezeugen die öden Berge und Wälder.

029

Daphnis lehrte, armenische Tiger vor Wagen zu spannen,

030

Wie man die Tänze und Reigen des Bacchus anführe und wie man

031

Schwanke Thyrsusstäbe mit Weinlaub und Efeu umranke.

032

Wie die Rebe der Ruhm ist des Baumes, die Traube der Rebe,

033

Wie die Herden der Stiere, der fetten Äcker die Ähren -

034

So bist du der deinigen Ruhm. Als das Schicksal dich abrief,

035

Hat selbst Pales, selbst Apollo die Felder verlassen.

036

Wo wir den Furchen so oft großkörnige Gerste vertrauten,

037

Wächst jetzt der Taumellolch nur und unergiebiger Hafer.

038

Statt des lieblichen Veilchens, statt der strahlenden Iris

039

Wuchern die Disteln überall und der stachlige Kreuzdorn.

040

Streuet Laub auf den Boden und schützt mit Schatten die Quellen,

041

Hirten! Denn daß man ihn also ehre, hat Daphnis geboten.

042

Auf und errichtet das Grabmahl, und gebet dem Grabmahl die Inschrift:

043

>>Daphnis bin ich, mein Ruhm reicht bis zu den ewigen Sternen,

044

Hüter der schönen Tiere im Haine, und selber noch schöner.<<

045

Menalcas

Mir ist ein Lied, o herrlicher Dichter, wie dem Erschöpften

046

Traumloser Schlummer im Gras, und wie in der Hitze des Sommers

047

Einem Verdursteten süßer Trunk aus sprudelndem Quellbach.

048

Nicht auf der Flöte nur, auch mit der Stimme erreichst du den Meister,

049

Glücklicher Jüngling, von nun an wirst du gleich nach ihm kommen.

050

Trotzdem will ich, so gut es nur geht, meine Verse dir singen,

051

Will deines Daphnis Ruhm nun bis zu den Sternen erheben.

052

Daphnis trag' ich zum Himmel: mich auch liebte ja Daphnis.

053

Mopsus

Kann je größer mir sein eine Gunst und Gnade als diese?

054

Ist doch der Jüngling selber würdig des Ruhmes, und hat doch

055

Stimichon oft schon und lang mir gerühmt deine Strophen.

056

Menalcas

Daphnis, strahlend im Licht, steht staunend vor des Olympos

057

Ungewohnter Schwelle, sieht unter sich Wolken und Sterne;

058

Darob erfüllet fröhliche Freude die Wälder und alle

059

Felder und Pan und die Hirten und Nymphen und alle Dryaden.

060

Nimmer lauert der Wolf auf die Herde, kein Garn ist den Hirschen

061

Tückisch gestellt, denn den Frieden liebt der gütige Daphnis.

062

Ihren Jubel schon lassen erschallen empor zu den Sternen

063

Waldige Berge, die Felsen lassen erbrausen die Weise,

064

Alle die Büsche: >>Ein Gott ist er, ein Gott, o Menalcas!<<

065

Gütig sei und gnädig den Deinen! Vier der Altäre:

066

Zwei hier für dich, o Daphnis, siehe, zwei für Apollo!

067

Zwei der Becher der schäumenden Milch alljährlich dir spend' ich,

068

Stelle zwei Krüge dir auf des fetten Öls aus Oliven,

069

Und vor allem erheitr' ich die Feste mit reichlichem Trunke,

070

Ist es kalt, vor dem Herde, im heißen Juli im Schatten

071

Werde aus Schalen dir gießen die süßen Weine aus Chios.

072

Lieder singen mit mir wird Damoetas und Aegon aus Kreta;

073

Echte Tänze der Satyrn wird Alphesiboeus uns tanzen.

074

Dieses soll immer so sein, sowohl wann im Herbst wir den Nymphen

075

Dankopfer bringen, wie wann im Lenz wir die Felder entsühnen.

076

Und solange die Bergschlucht der Eber, die Ströme der Fisch liebt,

077

Bienen vom Thymian naschen und vom Tau die Zikaden -

078

Werden immer dir bleiben Ruhm und Name und Ehre.

079

Wie dem Bacchus und wie der Ceres werden die Bauern

080

Jährlich Gelübde dir tun, und du wirst Erfüllung verlangen.

081

Mopsus

Ach, für diese Strophen, was nur soll ich dir geben?

082

Also erquickt nimmer des sacht anhebenden Südwinds

083

Säuseln; so nicht die wogende Brandung der See am Gestade,

084

Noch das Brausen des reißenden Bergstroms durch felsige Talschlucht.

085

Menalcas

Vorerst laß mich dir schenken diese gebrechliche Flöte.

086

Ihr verdank ich das Lied: >>Corydon war entbrannt für Alexis<<,

087

Ihr auch: >>Wem denn gehört diese Herde, wohl Meliboeus?<<

088

Mopsus

Du aber nimm meinen Stab, um den Antigenes oft bat,

089

Den er doch niemals bekam - und war doch der Liebe nicht unwert -

090

Schön ist der Stab, mit gleichgroßen Knorren, mit Kupfer beschlagen.

Theodor Haecker (1871 - 1945)

 

 

001

Menalcas

Cur non, Mopse, boni quoniam convenimus ambo,

002

tu calamos inflare levis, ego dicere versus,

003

hic corylis mixtas inter consedimus ulmos?

004

Mopsus

Tu maior; tibi me est aequum parere, Menalca,

005

sive sub incertas Zephyris motantibus umbras,

006

sive antro potius succedimus. aspice, ut antrum

007

silvestris raris sparsit labrusca racemis.

008

Menalcas

Montibus in nostris solus tibi certat Amyntas.

009

Mopsus

Quid, si idem certet Phoebum superare canendo?

010

Menalcas

Incipe, Mopse, prior, si quos aut Phyllidis ignis

011

aut Alconis habes laudes aut iurgia Codri.

012

incipe: pascentis servabit Tityrus haedos.

013

Mopsus

Immo haec, in viridi nuper quae cortice fagi

014

carmina descripsi et modulans alterna notavi,

015

experiar: tu deinde iubeto ut certet Amyntas.

016

Menalcas

Lenta salix quantum pallenti cedit olivae,

017

puniceis humilis quantum saliunca rosetis,

018

iudicio nostro tantum tibi cedit Amyntas.

019

sed tu desine plura, puer: successimus antro.

020

Mopsus

Exstinctum Nymphae crudeli funere Daphnim

021

flebant (vos coryli testes et flumina Nymphis),

022

cum complexa sui corpus miserabile nati,

023

atque deos atque astra vocat crudelia mater.

024

non ulli pastos illis egere diebus

025

frigida, Daphni, boves ad flumina; nulla neque amnem

026

libavit quadripes nec graminis attigit herbam.

027

Daphni, tuum Poenos etiam gemuisse leones

028

interitum montesque feri silvaeque loquuntur.

029

Daphnis et Armenias curru subiungere tigris

030

instituit, Daphnis thiasos inducere Bacchi

031

et foliis lentas intexere mollibus hastas.

032

vitis ut arboribus decori est, ut vitibus uvae,

033

ut gregibus tauri, segetes ut pinguibus arvis,

034

tu decus omne tuis. postquam te fata tulerunt

035

ipsa Pales agros atque ipse reliquit Apollo.

036

grandia saepe quibus mandavimus hordea sulcis,

037

infelix lolium et steriles nascuntur avenae;

038

pro molli viola, pro purpureo narcisso

039

carduus et spinis surgit paliurus acutis.

040

spargite humum foliis, inducite fontibus umbras,

041

pastores (mandat fieri sibi talia Daphnis),

042

et tumulum facite, et tumulo superaddite carmen:

043

'Daphnis ego in silvis, hinc usque ad sidera notus,

044

formosi pecoris custos, formosior ipse.'

045

Menalcas

Tale tuum carmen nobis, divine poeta,

046

quale sopor fessis in gramine, quale per aestum

047

dulcis aquae saliente sitim restinguere rivo.

048

nec calamis solum aequiperas, sed voce magistrum:

049

fortunate puer, tu nunc eris alter ab illo.

050

nos tamen haec quocumque modo tibi nostra vicissim

051

dicemus, Daphnimque tuum tollemus ad astra;

052

Daphnim ad astra feremus: amavit nos quoque Daphnis.

053

Mopsus

An quicquam nobis tali sit munere maius?

054

et puer ipse fuit cantari dignus, et ista

055

iam pridem Stimichon laudavit carmina nobis.

056

Menalcas

Candidus insuetum miratur limen Olympi

057

sub pedibusque videt nubes et sidera Daphnis.

058

ergo alacris silvas et cetera rura voluptas

059

Panaque pastoresque tenet Dryadasque puellas.

060

nec lupus insidias pecori, nec retia cervis

061

ulla dolum meditantur: amat bonus otia Daphnis.

062

ipsi laetitia voces ad sidera iactant

063

intonsi montes; ipsae iam carmina rupes,

064

ipsa sonant arbusta: 'deus, deus ille, Menalca!'

065

sis bonus o felixque tuis ! en quattuor aras:

066

ecce duas tibi, Daphni, duas altaria Phoebo.

067

pocula bina novo spumantia lacte quotannis

068

craterasque duo statuam tibi pinguis olivi,

069

et multo in primis hilarans convivia Baccho,

070

ante focum, si frigus erit, si messis, in umbra

071

vina novum fundam calathis Ariusia nectar.

072

cantabunt mihi Damoetas et Lyctius Aegon;

073

saltantis Satyros imitabitur Alphesiboeus.

074

haec tibi semper erunt, et cum sollemnia vota

075

reddemus Nymphis, et cum lustrabimus agros.

076

dum iuga montis aper, fluvios dum piscis amabit,

077

dumque thymo pascentur apes, dum rore cicadae,

078

semper honos nomenque tuum laudesque manebunt.

079

ut Baccho Cererique, tibi sic vota quotannis

080

agricolae facient: damnabis tu quoque votis.

081

Mopsus

Quae tibi, quae tali reddam pro carmine dona?

082

nam neque me tantum venientis sibilus Austri

083

nec percussa iuvant fluctu tam litora, nec quae

084

saxosas inter decurrunt flumina vallis.

085

Menalcas

Hac te nos fragili donabimus ante cicuta

086

haec nos 'formosum Corydon ardebat Alexim,'

087

haec eadem docuit 'cuium pecus? an Meliboei?'

088

Mopsus

At tu sume pedum, quod, me cum saepe rogaret,

089

non tulit Antigenes (et erat tum dignus amari),

090

formosum paribus nodis atque aere, Menalca.

Ecloga VI