Vox-Latina-Gottingensis

Original und Nachdichtung

 P. Vergilius Maro

Ecloga IV

Pollio

001

Musen des Hirten und Sängers, Höheres lasset uns singen!

002

Jeden erfreut nicht Gebüsch und ein niedriger Strauch Tamarisken:

003

Singen von Wäldern wir, seien die Wälder des Herrschers auch würdig!

004

Nun ist gekommen die letzte Zeit nach dem Spruch der Sibylle;

005

Neu entspringt jetzt frischer Geschlechter erhabene Ordnung.

006

Schon kehrt wieder die Jungfrau, Saturn hat wieder die Herrschaft;

007

Schon steigt neu ein Erbe herab aus himmlischen Höhen.

008

Sei nur dem nahenden Knaben, mit dem die eisernen Menschen

009

Enden, und allen Welten ein goldenes Alter erblühet -

010

Gnädig sei ihm, du Helferin, Reine! schon herrscht dein Apollo!

011

Während du, o Pollio, führest, beginnt dieses Aeons

012

Herrlichkeit, fangen an die hohen Jahre zu schreiten,

013

Die unsres Frevels Spuren, wenn solche noch blieben, vernichten,

014

Die aus unaufhörlichen Ängsten erlösen die Länder.

015

Jener empfängt das Leben der Gottheit, schauet die Götter

016

An und Heroen vereint, wird selber von ihnen geschauet.

017

Friedlichen Erdkreis regiert er mit Kraft, vom Vater ererbet.

018

Doch, o Knabe, als erste bescheidene Gabe entsprießen

019

Rankender Efeu, lustiger Bärenklau, alldurcheinander,

020

Baldrian, Wasserrosen Ägyptens üppig dem Erdreich.

021

Selber bringen die Ziegen die Milch in strotzenden Eutern

022

Heim, und es fürchtet nun nicht mehr das Rind den gewaltigen Löwen.

023

Kosende Blüten wird deine Wiege über dich schütten.

024

Sterben wird auch die Schlange, sterben die trügerischen Kräuter

025

Tückischen Giftes; erblühen wird überall Syrias Amomum.

026

Aber sobald der Heroen Ruhmesgesänge, des Vaters

027

Taten lernen du kannst und erkennen das Wesen der Tugend:

028

Dann werden blond sich kleiden die Äcker mit wehenden Ähren,

029

Hangen werden an wildem Dornbusch rötliche Trauben,

030

Träufeln wie Tau wird Honig aus hartem Stamme der Eichen.

031

Trotzdem bleiben noch manche Flecken der uralten Sünde,

032

Welche das Meer zu befahren, welche die Städte mit Mauern

033

Rings zu umgürten, welche die Erde zu pflügen gebieten.

034

Dann erstehet ein zweiter Tiphys, führt eine zweite

035

Argo erlesene Helden, entstehen andere Kriege;

036

Wiederum wird ein großer Achill gegen Troia entsendet.

037

Hierauf, wann du zu sicheren Jahren des Mannes gereift bist,

038

Wird auch der Seefahrer meiden das Meer, wird nicht mehr die Schiffahrt

039

Tauschen und handeln; denn dann trägt allen und alles die Erde.

040

Dulden muß nicht mehr der Boden die Hacke, das Messer der Weinstock;

041

Alsbald nimmt auch der stämmige Pflüger den Stieren das Joch ab;

042

Nimmer braucht täuschend die Wolle verschiedene Färbung zu lügen,

043

Wechseln auf Auen ja selber die Widder die schimmernden Vliese

044

Bald in blühenden Purpur, bald in blasseren Safran;

045

Scharlach schmückt aus eigenem Willen weidende Lämmer.

046

>>Laufet durch so erhabene Zeiten<<, sprachen die Parzen,

047

Einig und fest durch die Allmacht des Schicksals, zu ihren Spindeln.

048

Tritt an - siehe, es naht schon die Stunde - die herrlichen Ehren,

049

Teuerer göttlicher Sprosse, des Zeus erhabener Same,

050

Siehe das Weltall, erschauernd unter der lastenden Kuppel,

051

Siehe die Länder, die Flächen des Meeres, den Abgrund der Himmel,

052

Siehe, wie alles und alle sich freuen des kommenden Aeons.

053

Oh, daß der letzte Teil meines Lebens so lange noch währte,

054

Atem und Können hätt' ich genug, deine Werke zu preisen;

055

Meine Lieder wird nicht übertreffen Linus noch Orpheus,

056

Ob auch diesem die Mutter und jenem der Vater noch hülfe:

057

Orpheus Kalliopea, dem Linus der schöne Apollo.

058

Pan selbst, wenn er stritte mit mir, und die Hirten entschieden:

059

Pan selbst, wenn die Hirten entschieden, erklärte besiegt sich.

060

Wachse nun, kleiner Knabe, lächelnd erkenne die Mutter

061

- Viel Verdruß und Beschwer zehn Monde lang trug deine Mutter -,

062

Wachse nun, kleiner Knabe; wer nicht gelächelt der Mutter,

063

Den nicht würdigt des Tisches der Gott, des Lagers die Göttin.

Theodor Haecker (1871 - 1945)

001

Sicelides Musae, paulo maiora canamus!

002

non omnis arbusta iuvant humilesque myricae

003

si canimus silvas, silvae sint consule dignae.

004

Ultima Cumaei venit iam carminis aetas;

005

magnus ab integro saeclorum nascitur ordo.

006

iam redit et virgo, redeunt Satumia regna,

007

iam nova progenies caelo demittitur alto.

008

tu modo nascenti puero, quo ferrea primum

009

desinet ac toto surget gens aurea mundo,

010

casta fave Lucina: tuus iam regnat Apollo.

011

teque adeo decus hoc aevi, te consule, inibit,

012

Pollio, et incipient magni procedere menses;

013

te duce, si qua manent sceleris vestigia nostri,

014

inrita perpetua solvent formidine terras.

015

ille deum vitam accipiet divisque videbit

016

permixtos heroas et ipse videbitur illis,

017

pacatumque reget patriis virtutibus orbem.

018

At tibi prima, puer, nullo munuscula cultu

019

errantis hederas passim cum baccare tellus

020

mixtaque ridenti colocasia fundet acantho.

021

ipsae lacte domum referent distenta capellae

022

ubera, nec magnos metuent armenta leones;

023

ipsa tibi blandos fundent cunabula flores.

024

occidet et serpens, et fallax herba veneni

025

occidet; Assyrium vulgo nascetur amomum.

026

at simul heroum laudes et facta parentis

027

iam legere et quae sit poteris cognoscere virtus,

028

molli paulatim flavescet campus arista,

029

incultisque rubens pendebit sentibus uva,

030

et durae quercus sudabunt roscida mella.

031

pauca tamen suberunt priscae vestigia fraudis,

032

quae temptare Thetim ratibus, quae cingere muris

033

oppida, quae iubeant telluri infindere sulcos.

034

alter erit tum Tiphys, et altera quae vehat Argo

035

delectos heroas; erunt etiam altera bella

036

atque iterum ad Troiam magnus mittetur Achilles.

037

hinc, ubi iam firmata virum te fecerit aetas,

038

cedet et ipse mari vector, nec nautica pinus

039

mutabit merces: omnis feret omnia tellus.

040

non rastros patietur humus, non vinea falcem;

041

robustus quoque iam tauris iuga solvet arator;

042

nec varios discet mentiri lana colores,

043

ipse sed in pratis aries iam suave rubenti

044

murice, iam croceo mutabit vellera luto;

045

sponte sua sandyx pascentis vestiet agnos.

046

'Talia saecla' suis dixerunt 'currite' fusis

047

concordes stabili fatorum numine Parcae.

048

adgredere o magnos (aderit iam tempus) honores,

049

cara deum suboles, magnum Iovis incrementum !

050

aspice convexo nutantem pondere mundum,

051

terrasque tractusque maris caelumque profundum:

052

aspice venturo laetentur ut omnia saeclo !

053

o mihi tum longae maneat pars ultima vitae,

054

spiritus et quantum sat erit tua dicere facta:

055

non me carminibus vincet nec Thracius Orpheus,

056

nec Linus, huic mater quamvis atque huic pater adsit,

057

Orphei Calliopea, Lino formosus Apollo.

058

Pan etiam, Arcadia mecum si iudice certet,

059

Pan etiam Arcadia dicat se iudice victum.

060

incipe, parve puer, risu cognoscere matrem

061

(matri longa decem tulerunt fastidia menses)

062

incipe, parve puer: qui non risere parenti,

063

nec deus hunc mensa, dea nec dignata cubili est.

Ecloga V