Vox-Latina-Gottingensis

Original und Nachdichtung

Publius Ovidius Naso

Tristia

Liber I, 3

Cum subit illius tristissima noctis imago,

1

Kommet das traurige Bild der Nacht mir in die Gedanken,

quae mihi supremum tempus in Urbe fuit,

2

Welche die letzte für mich war in der heiligen Stadt,

cum repeto noctem, qua tot mihi cara reliqui,

3

Ruf ich die Nacht mir zurück, die von allem Teuren mich trennte,

labitur ex oculis nunc quoque gutta meis.

4

Rinnen Tränen noch jetzt mir von den Augen herab.

Iam prope lux aderat, qua me discedere Caesar

5

Schon war nahe der Tag, an dem zu verlassen die fernsten

finibus extremae iusserat Ausoniae.

6

Grenzen Ausonias mir hatte geboten der Fürst.

Nec spatium nec mens fuerat satis apta parandi:

7

Sinn nicht hatt ich gehabt noch Muße für Vorkehr zur Reise,

Torpuerant longa pectora nostra mora.

8

Lange lag mir das Herz völlig erstarrt in der Brust.

Non mihi servorum, comitis non cura legendi,

9

Nicht an Sklaven gedacht und Erwählung eines Begleiters

non aptae profugo vestis opisve fuit.

10

Hatt ich, noch an ein Gewand, passend zur Flucht, noch an Geld.

Non aliter stupui, quam qui Iovis ignibus ictus

11

Also war ich betäubt, wie wer, von dem Blitze getroffen,

vivit et est vitae nesciuss ipse suae.

12

Lebet und selbst nicht weiß, daß er das Leben noch hat.

Ut tamen hanc animi nubem dolor ipse removit,

13

Doch als schließlich der Schmerz die Wolke der Stumpfheit zerstreute

et tandem sensus convaluere mei,

14

Und der Sinne Gebrauch endlich mir wiedergekehrt,

adloquor extremum maestos abiturus amicos,

15

Sprech ich zum letzten Mal zu den traurigen Freunden beim Scheiden,

qui modo de multis unus et alter erant.

16

Die, einst viele, nur noch wenige waren zuletzt.

Uxor amans flentem flens acrius ipsa tenebat,

17

Zärtlich umschlang mein Weib mich Weinenden, heftiger weinend,

imbre per indignas usque cadente genas.

18

Über der Unschuld Gesicht strömten die Tränen herab.

Nata procul Libycis aberat diversa sub oris,

19

Weit in der Ferne war am libyschen Strande die Tochter,

nec poterat fati certior esse mei.

20

Und noch konnte sie nichts wissen von meinem Geschick.

Quocumque aspiceres, luctus gemitusque sonabant,

21

Rings, wohin man nur sah, ertöneten Klagen und Seufzer,

formaque non taciti funeris intus erat.

22

Und wie bei Leichen erscholl Wehegeschrei im Gemach.

Femina virque meo, pueri quoque funere maerent,

23

Mann und Frau und Kind betrauern mich wie einen Toten,

inque domo lacrimas angulus omnis habet.

24

Und von Tränen ist feucht jeglicher Winkel im Haus.

Si licet exemplis in parvo grandibus uti,

25

Wenn es gestattet mir ist, zu vergleichen Kleines mit Großem,

haec facies Troiae, cum caperetur, erat.

26

War so Trojas Gestalt, als es bewältiget ward.

Iamque quiescebant voces hominumque canumque

27

Und schon waren verstummt die Menschenstimmen und Hunde,

Lunaque nocturnos alta regebat equos.

28

Und hoch sah man den Mond lenken sein nächtlich Gespann.

Hanc ego suspiciens et ab hac Capitolia cernens,

29

Ihn anschauend und aufs Kapitol dann richtend die Augen,

quae nostro frustra iuncta fuere Lari,

30

Welchem umsonst so nah lieget mein eigenes Haus,

"numina vicinis habitantia sedibus", inquam,

31

Sprach ich: »Ihr Mächte, die ihr die nahen Sitze bewohnet,

"iamque oculis numquam templa videnda meis,

32

Und ihr Tempel, die nie wieder erblicken ich soll,

dique relinquendi, quos Urbs habet alta Quirini,

33

Und ihr Götter, die ihr in der hehren Stadt des Quirin weilt

este salutati tempus in omne mihi,

34

Und die verlassen ich muß, seid mir für ewig gegrüßt!

et quamquam sero clipeum post vulnera sumo,

35

Und obgleich ich den Schild zu spät, schon verwundet, ergreife,

attamen hanc odiis exonerate fugam,

36

Nehmet von dieser Flucht dennoch den lastenden Haß,

caelestique viro, quis me deceperit error,

37

Saget dem göttlichen Mann, was mich getäuscht für ein Irrtum,

dicite, pro culpa ne scelus esse putet,

38

Daß an der Stelle der Schuld nicht ein Verbrechen er sieht.

ut quod vos scitis, poenae quoque sentiat auctor:

39

Wenn, was ihr Götter wißt, auch erkennt, der die Strafe verhängte,

Placato possum non miser esse deo."

40

Läßt unglücklich mich nicht sein der versöhnete Gott.«

Hac prece adoravi superos ego, pluribus uxor,

41

Also flehte mein Mund zu den Himmlischen; mehr noch die Gattin,

singultu medios impediente sonos.

42

Während sie mitten im Flehn wurde durch Schluchzen gehemmt.

Illa etiam ante Lares passis adstrata capillis

43

Auch vor den Laren sank mit fliegenden Haaren sie nieder,

contigit extinctos ore tremente focos,

44

Und den erloschenen Herd küßte der bebende Mund,

multaque in aversos effudit verba Penates

45

Und viel flehete sie zu den abgeneigten Penaten,

pro deplorato non valitura viro.

46

Worte, von keinem Erfolg für den beweineten Mann.

Iamque morae spatium nox praecipitata negabat,

47

Und es versagte die eilende Nacht schon ein weiteres Zögern,

versaque ab axe suo Parrhasis Arctos erat.

48

Und der parrhasische Bär hatte vom Pol sich gewandt.

Quid facerem? Blando patriae retinebar amore,

49

Was nun sollt ich? Mich hielt die zärtliche Liebe zur Heimat;

ultima sed iussae nox erat illa fugae.

50

Aber die letzte Nacht war's der gebotenen Flucht.