Vox-Latina-Gottingensis

Original und Nachdichtung

Horaz carmina 1, 11

Du frage nicht - zu wissen wäre Frevel -, was mir, was dir

als Ziel die Götter gesetzt, Leukonoë, auch nicht babylonische Stern-

zeichen prüfe! Wieviel besser: was auch geschieht, zu tragen.

Ob viele Winter noch, ob gewährt hat Jupiter schon den letzten,

der jetzt an widerstrebenden Klippen bricht das Meer

Tyrrhenias - weise sei, kläre den Wein, auf kurze Dauer

langwährende Hoffnung bemiß! Da wir noch sprechen, ist schon entflohen die neidische

Zeit: greif diesen Tag, nimmer traue dem nächsten !

Bernhard Kytzler 1978

Frag nicht - es wissen zu wollen, ist ein Frevel - welches Ende mir, welches

dir, Leukonoë die Götter bestimmt haben, und versuch auch nicht das

babylonische Horoskop ! Wahrlich, es ist besser, was immer geschehen wird,

zu erdulden, ob Jupiter dir noch mehr Winter zugeteilt hat, oder den

letzten, der nun das Tyrrhenische Meer an den steilen Klippen bricht: Sei

weise ! Kläre den Wein und beschränke die lange Hoffnung auf eine kurze Zeit !

Während wir sprechen, wird die knapp bemessene Zeit schon enflohen sein:

Genieße den Augenblick und verlaß dich so wenig wie möglich auf den folgenden !

Übersetzer unbekannt

1

Tu ne quaesieris - scire nefas -, quem mihi, quem tibi

2

finem di dederint, Leuconoë, nec Babylonios

3

temptaris numeros ! Ut melius, quidquid erit, pati,

4

seu pluris hiemes seu tribuit Iuppiter ultimam,

5

quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare

6

Tyrrhenum: sapias ! Vina liques et spatio brevi

7

spem longam reseces ! Dum loquimur, fugerit invida

8

aetas: carpe diem, quam minimum credula postero !