Vox-Latina-Gottingensis

Original und Nachdichtung

Horaz carmina 1, 9

An Thaliarchus

Du siehst, im Schneeglanz flimmert Soractes Haupt;

Und horch! Der Wald ächzt, unter der schweren Last

Erseufzen dumpf die Wipfel; Kälte

Fesselt die Wasser mit scharfem Hauche.

 

Vertreib den Winter! Reichlich den Herd mit Holz

Versehn! Dann schenke Freund Thaliarchus uns

Vierjähr'gen Weins, und ja genug, ein

Aus dem sabinischen Henkelkruge.

 

Befiehl der Götter Sorge das übrige!

Sobald nach ihrem Wink von der Stürme Kampf

Die Meeresbrandung ruht, so ruhn auch

Alte Cypressen und Eschen wieder.

 

Was morgen sein wird, frage du nicht: Gewinn

Sei jederTag dir, den das Geschick dir verleiht;

Und nicht der Liebe Lust, o Knabe,

Achte gering noch die Reigentänze,

 

Solang die Jugend grünet und ferne sind

Des Alters Launen. Plätze geselliger Lust

Und nachts der Liebe leises Flüstern

Suche noch auf zur besprochnen Stunde,

 

Und jenes süße Lächeln vom Winkel her,

Wo das versteckte Mädchen sich selbst verrät

Und du vom Arm und von dem spröd' sich

Stellenden Finger das Pfand ihr abziehst.

Eduard Mörike (1804 - 1875)

1

Vides ut alta stet nive candidum

2

Soracte nec iam sustineant onus

3

silvae laborantes geluque

4

flumina constiterint acuto.

 

5

Dissolve frigus ligna super foco

6

large reponens atque benignius

7

deprome quadrimum Sabina,

8

 o Thaliarche, merum diota.

 

9

Permitte divis cetera, qui simul

10

stravere ventos aequore fervido

11

deproeliantis, nec cupressi

12

nec veteres agitantur orni.

 

13

Quid si futurum cras, fuge quaerere, et

14

quem Fors dierum cumque dabit, lucro

15

adpone, nec dulcis amores

16

sperne, puer, neque tu choreas,

 

17

donec virenti canities abest

18

morosa. Nunc et Campus et areae

19

lenesque sub noctem susurri

20

conposita repetantur hora,

 

21

nunc et latentis proditor intumo

22

gratus puellae risus ab angulo

23

pignusque dereptum lacertis

24

aut digito male pertinaci.