Vox-Latina-Gottingensis

Original und Nachdichtung

Catull carmen 76

Herzenskampf

Ist es den Menschen vergönnt, daß einst erwiesene Wohltat

Durch Erinnerung noch lohnet ein frommes Gemüt,

Das niemals im Leben die Treu', die heil'ge, gebrochen,

Nimmer mit falschem Schwur Menschen und Götter belog,

Mag es geschehen, Catull, daß bis zur Stunde des Todes

Noch manch freudiger Tag dir aus dem Kummer erblüht.

Was nur ein Mensch zu ersinnen vermag in Worten und Werken

Für des andern Wohl, wahrlich, du hast es getan!

Sie verlöschte die Schuld des Dankes im losen Gewissen.

Nun, was quälest du dich, marterst dich länger damit?

Auf, entschließe dich kühn und schenke dem Leben dich wieder!

Trotze dem Schicksal nicht! Gib dich gelassen darein!

Schwer ist's wohl, zu entsagen der Liebe süßer Gewohnheit -

Kost' es auch noch so viel, setze dein alles daran!

Sonst gesundest du nimmer und nie, du mußt es erzwingen,

Mußt dich stellen dem Kampf, ob er geling' oder nicht! -

Fühlet ihr Mitleid, ewige Götter, und habet ihr jemals

Noch an der Schwelle der Gruft Sterblichen Hilfe gebracht,

Blickt auf mich Unsel'gen herab, und fandet ihr schuldlos

Meinen Wandel, so heilt mich von dem tödlichen Gift,

Das hinschleichend in Mark und Gebein mir löset die Glieder

Und aus meinem Gemüt jegliche Freude gebannt.

Nichts Unmögliches bitt' ich von euch, nicht daß sie die Liebe

Noch erwidre wie einst, daß sie gesittet und keusch:

Selber möcht ich gesunden, befreit vom Joche des Siechtums;

Nur dies eine gewährt, Götter, der Treue zum Lohn!

W. Amelung (1911)

De Profundis

Wenn das Gedenken an frühere gute Werke dem Menschen

Wonne zu spenden vermag, weil er als fromm sich erkennt,

heilige Treue nicht brach und nie, um Menschen zu täuschen,

in einem Liebesbund, göttliche Mächte beschwor:

dann stehn dir, o Catull, für ein langes Leben noch viele

Freuden bevor, entsproßt diesem unselgen Bund.

Denn was immer ein Mensch dem andern Gutes zu sagen

oder zu tun nur vermag, hast du gesagt und getan.

Alles umsonst! Einer Seele geweiht, die von Danken nichts wußte!

Warum länger noch Pein dulden und leiden die Qual?

Wirst du nicht härten dein Herz, dich endlich los von dir reißen?

Aufhörn elend zu sein, da doch die Götter dir feind?

Schwer ists, im Nu von lange gehegter Liebe zu lassen!

Schwer ists. Aber du mußts, gehe es, wie es auch mag.

Einzig dies ist das Heil, du mußt den Kampf durchkämpfen,

mußts vollbringen, ob leicht oder unmöglich die Tat!

Ist, o Götter, bei euch ein Erbarmen und habt ihr den Menschen

jemals Hilfe gebracht noch in der Stunde des Tods:

dann schaut her auf mich Armen! Und bin ich gewandelt in Reinheit,

reißt mir dann aus der Brust all diese Pest und Gebrest,

die, einschleichend in Mark und Gebein, die Glieder mir lähmte

und aus meinem Gemüt alle die Freuden vertrieb!

Schon begehr ich nicht mehr, daß sie meine Liebe erwidre,

oder, was sie nicht vermag, Reinheit noch lerne und Zucht:

Nein, ich selbst will gesunden und abtun das widrige Siechtum.

Dies, o Götter, gewährt als meiner Frömmigkeit Lohn!

Otto Weinreich (1960)

1

Si qua recordanti benefacta priora voluptas

2

est homini, cum se cogitat esse pium

3

nec sanctam violasse fidem, nec foedere nullo

4

divum ad fallendos numine abusum homines:

5

Multa parata manent in longa aetate, Catulle,

6

ex hoc ingrato gaudia amore tibi.

7

Nam quaecumque homines bene cuiquam aut dicere possunt

8

aut facere, haec a te dictaque factaque sunt:

9

Omnia quae ingratae perierunt credita menti.

10

Quare iam te cur amplius excrucies?

11

Quin tu animo offirmas atque istinc teque reducis,

12

et dis invitis desinis esse miser?

13

Difficile est longum subito deponere amorem,

14

difficile est, verum hoc qua lubet efficias:

15

Una salus haec est. hoc est tibi pervincendum,

16

hoc facias, sive id non pote sive pote.

17

O di, si vestrum est misereri, aut si quibus umquam

18

extremo, iam ipsa in morte, tulistis opem,

19

me miserum aspicite et, si uitam puriter egi,

20

eripite hanc pestem perniciemque mihi,

21

quae mihi, subrepens imos ut torpor in artus

22

expulit ex omni pectore laetitias.

23

Non iam illud quaero, contra me ut diligat illa,

24

aut, quod non potis est, esse pudica velit:

25

Ipse valere opto et taetrum hunc deponere morbum.

26

O di, reddite mi hoc pro pietate mea!