Vox-Latina-Gottingensis

Original und Nachdichtung

Catull carmen 5

"So ist die Lieb'! So ist die Lieb'!

Mit Küssen nicht zu stillen!"

Laß uns leben, mein Mädchen, und uns lieben,

Und der mürrischen Alten üble Reden

Auch nicht höher als einen Pfennig achten.

Sieh, die Sonne, sie geht und kehret wieder:

Wir nur, geht uns das kurze Licht des Lebens

Unter, schlafen dort eine lange Nacht durch.

Gib mir tausend und hunderttausend Küsse,

Noch ein Tausend und noch ein Hunderttausend,

Wieder tausend und aber hunderttausend!

Sind viel tausend geküßt, dann mischen wir sie

Durcheinander, daß keins die Zahl mehr wisse

Und kein Neider ein böses Stück uns spiele,

Wenn er weiß, wie der Küsse gar so viel sind.

Eduard Mörike (1804 - 1875)

Leben, Lieben, Küssen!

Laß uns, Lesbia, leben, laß uns lieben

und für alles Gezeter strenger Greise

laß uns nicht einen einz´gen Heller geben!

Sonnen sinken und können wiederkehren:

doch wenn unseres Lebens kurzes Licht losch,

deckt die ewige, eine Nacht uns Schläfer.

Gib mir tausend und aber hunderrt Küsse,

dann noch tausend und nochmals hundert Küsse,

noch ein Tausend und wieder hundert Küsse!

Wenn vieltausend von Küssen dann beisammen,

flugs vergessen, getilgt die Summe, daß ja

keiner scheel sie besähe und uns schade,

wenn er sämtlicher Küsse Zahl gefunden!

Otto Weinreich (1960)

1

Vivamus, mea Lesbia, atque amemus

2

rumoresque senum severiorum

3

omnes unius aestimemus assis!

4

Soles occidere et redire possunt:

5

Nobis cum semel occidit brevis lux,

6

nox est perpetua una dormienda.

7

Da mi basia mille, deinde centum,

8

dein mille altera, dein secunda centum,

9

deinde usque altera mille, deinde centum.

10

Dein, cum milia multa fecerimus,

11

conturbabimus illa, ne sciamus

12

aut ne quis malus invidere possit,

13

cum tantum sciat esse basiorum.