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Vox-Latina-Gottingensis
Ad Lucilium
Epistulae Morales
Liber Quartus
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Epistula XLI Seneca Lucilio Suo Salutem | ||
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Facis rem optimam et tibi salutarem, si, ut scribis, perseveras ire ad bonam mentem, quam stultum est optare, cum possis a te inpetrare. Non sunt ad caelum elevandae manus nec exorandus aedituus, ut nos ad aurem simulacri, quasi magis exaudiri possimus, admittat: Prope est a te deus, tecum est, intus est. |
1 |
Ich wüßte nichts Besseres und Heilsameres für dich, als daß du, wie du schreibst, beharrest in deinem Streben nach sittlicher Vervollkommnung, die zum Gegenstand des Wunsches zu machen Torheit ist, da es ganz von uns selbst abhängt, sie zu erreichen. Man tut nicht gut, die Hände zum Himmel zu erheben und den Tempelhüter anzuflehen, uns unmittelbar an das Ohr des Götterbildes herantreten zu lassen, als könnten wir uns dadurch höheren Anspruch auf Erhörung unseres Gebetes verschaffen: Gott ist dir nahe, er ist bei dir, ist in dir. |
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Ita dico, Lucili: Sacer intra nos spiritus sedet, malorum bonorumque nostrorum observator et custos. Hic, prout a nobis tractatus est, ita nos ipse tractat. Bonus vero vir sine deo nemo est. An potest aliquis supra fortunam nisi ab illo adiutus exsurgere? Ille dat consilia magnifica et erecta. In unoquoque virorum bonorum (quis deus incertum est) habitat deus. |
2 |
Glaube mir, mein Lucilius: Es wohnt in uns ein heiliger Geist, ein Beobachter und Wächter alles dessen, was sich in uns von Schlechtem und Gutem findet. Dieser verfährt mit uns ebenso wie wir mit ihm. Niemand ist ein guter Mensch ohne Gott. Oder könnte sich einer über das Schicksal erheben anders als durch seine Hilfe? Ihm verdanken wir alle unsere hochherzigen und erhabenen Entschlüsse. In jedem guten Menschen »wohnt ein Gott, ob der oder der«. |
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Si tibi occurrerit vetustis arboribus et solitam altitudinem egressis frequens lucus et conspectum caeli <densitate> ramorum aliorum alios protegentium summovens, illa proceritas silvae et secretum loci et admiratio umbrae in aperto tam densae atque continuae fidem tibi numinis faciet. Si quis specus saxis penitus exesis montem suspenderit, non manu factus, sed naturalibus causis in tantam laxitatem excavatus, animum tuum quadam religionis suspicione percutiet. Magnorum fluminum capita veneramur. Subita ex abdito vasti amnis eruptio aras habet. Coluntur aquarum calentium fontes, et stagna quaedam vel opacitas vel immensa altitudo sacravit. |
3 |
Führt dich dein Weg einmal zu einem Walde mit einem dichten Bestand alter und über das gewöhnliche Maß hinausragender Bäume, die durch das vielfältige Ineinandergreifen der sich übereinander drängenden Äste den Himmel verschleiern, so wird die Erhabenheit dieses Waldes, das Geheimnisvolle der Örtlichkeit, das Wunderbare dieses dichten ununterbrochenen Schattenbereiches nicht verfehlen, den Glauben an göttliches Walten in dir zu wecken. Triffst du auf eine Grotte, die sich tief in das über ihr schwebende Felsgebirge hineinzieht, nicht von Menschenhand gemacht, sondern durch Naturkräfte in so auffallender Ausdehnung geschaffen, so wirst du in deinem Innern eine gewisse Ahnung des Göttlichen spüren. Die Quellstätten großer Flüsse sind uns heilig. Wo überraschend - wir wissen nicht, woher - ein gewaltiger Strom hervorbricht, da sind Altäre errichtet. Heiße Quellen sind ein Gegenstand der Verehrung, und manche stehende Gewässer haben eine gewisse Weihe empfangen durch ihre schattige Umgebung oder durch ihre unergründliche Tiefe. |
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Si hominem videris interritum periculis, intactum cupiditatibus, inter adversa felicem, in mediis tempestatibus placidum, ex superiore loco homines videntem, ex aequo deos, non subibit te veneratio eius? Non dices, 'ista res maior est altiorque quam ut credi similis huic in quo est corpusculo possit'? |
4 |
Siehst du einen Mann, den keine Gefahr schreckt, der keiner Begierde zugänglich, glücklich inmitten von Widerwärtigkeiten, ruhig im Toben des Sturmes ist, der sich der Göttlichkeit näher fühlt als dem Menschentum, wirst du den nicht mit Ehrfurcht betrachten? Wirst du nicht sagen: Eine solche Seelenverfassung ist zu hoch und zu erhaben, als daß man sie sich vereinbar denken könnte mit einem so armseligen Körper«? |
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Vis isto divina descendit. Animum excellentem, moderatum, omnia tamquam minora transeuntem, quidquid timemus optamusque ridentem, caelestis potentia agitat. Non potest res tanta sine adminiculo numinis stare. Itaque maiore sui parte illic est unde descendit. Quemadmodum radii solis contingunt quidem terram, sed ibi sunt, unde mittuntur, sic animus magnus ac sacer et in hoc demissus, ut propius [quidem] divina nossemus, conversatur quidem nobiscum, sed haeret origini suae: Illinc pendet, illuc spectat ac nititur, nostris tamquam melior interest. |
5 |
Es ist eine göttliche Kraft, die sich auf sie niedergelassen hat. Es ist eine himmlische Macht, die diesem erhabenen und maßvollen Geist als Triebkraft innewohnt, der sich allem Irdischen weit überlegen fühlt und über alles lächelt, was wir fürchten und wünschen. Ein so hoher Geistesflug kann nicht ohne göttliche Beihilfe bestehen. Ein Geist dieser Art ist also seinem besseren Teile nach da, von wannen er herniedergekommen ist. Wie die Strahlen der Sonne zwar die Erde berühren, aber dort wurzeln, von wo sie zu uns kommen, so steht eine große, heilige und zur Förderung unserer Erkenntnis des Göttlichen herabgesandte Seele zwar in Verkehr mit uns, verliert aber doch nie den festen Zusammenhang mit ihrer Ursprungsstätte: Von dort erhält sie ihre bestimmende Richtung, dorthin ist ihr Streben gerichtet, mit uns verkehrt sie nur als eine Art höheres Wesen. |
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Quis est ergo hic animus? Qui nullo bono nisi suo nitet. Quid enim est stultius quam in homine aliena laudare? Quid eo dementius, qui ea miratur, quae ad alium transferri protinus possunt? Non faciunt meliorem equum aurei freni. Aliter leo aurata iuba mittitur, dum contractatur et ad patientiam recipiendi ornamenti cogitur fatigatus, aliter incultus, integri spiritus; hic scilicet impetu acer, qualem illum natura esse voluit, speciosus ex horrido, cuius hic decor est, non sine timore aspici, praefertur illi languido et bratteato. |
6 |
Und diese Seele, welche wäre sie denn? Keine andere als die, die ihren Glanz nur durch das ihr selbst entstammende Gute erhält. Denn was wäre törichter, als an einem Menschen zu loben, was er nicht sich selbst verdankt? Ist es nicht geradezu verrückt, das zu bewundern, was im Handumdrehen auf einen anderen übergehen kann? Goldene Zügel machen ein Pferd nicht besser. Anders tritt im Zirkus ein Löwe auf mit vergoldeter Mähne, der durch das fortwährende Streicheln und durch die Bemühungen derer, die ihm den Goldschmuck aufzuzwingen haben, matt gemacht worden ist, anders ein ungeschmückter, der noch im vollen Besitz seiner feurigen Kraft ist; denn dieser, kühn und draufgängerisch, wie ihn die Natur gewollt hat, herrlich zu schauen gerade in seiner Wildheit, dessen Schmuck es ist, daß man ihn nicht ohne ein Gefühl des Schauderns ansehen kann, wird jenem abgematteten mit Goldflitter behangenen entschieden vorgezogen. |
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Nemo gloriari nisi suo debet. Vitem laudamus, si fructu palmites onerat, si ipsa pondere [ad terram] eorum, quae tulit, adminicula deducit. Num quis huic illam praeferret vitem, cui aureae uvae, aurea folia dependent? Propria virtus est in vite fertilitas. In homine quoque id laudandum est, quod ipsius est. Familiam formonsam habet et domum pulchram, multum serit, multum fenerat: Nihil horum in ipso est sed circa ipsum. |
7 |
Niemand soll sich etwas zugute tun auf etwas, was nicht ihm gehört. Wir loben den Weinstock, wenn er die Schößlinge mit Frucht belastet, wenn er durch die Last seines Ertrages die Rebpfähle niederbeugt. Wer würde dem einen Weinstock vorziehen, an dem goldene Trauben, goldene Blätter hängen? Des Weinstocks eigener Vorzug ist seine Fruchtbarkeit. So ist auch am Menschen nur das zu loben, was wirklich sein Eigentum ist. Er hat eine Dienerschaft, die sich sehen lassen kann, er hat ein schönes Haus, viel Fruchtland, viel Geld zum Ausleihen: Aber nichts von alledem ist in ihm selbst, er hat es nur um sich. |
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Lauda in illo, quod nec eripi potest nec dari, quod proprium hominis est. Quaeris, quid sit? Animus et ratio in animo perfecta. Rationale enim animal est homo. Consummatur itaque bonum eius, si id implevit, cui nascitur. Quid est autem, quod ab illo ratio haec exigat? Rem facillimam, secundum naturam suam vivere. Sed hanc difficilem facit communis insania; in vitia alter alterum trudimus. Quomodo autem revocari ad salutem possunt, quos nemo retinet, populus impellit? Vale. |
8 |
Lobwürdig in ihm ist nur, was ihm nicht genommen, nicht gegeben werden kann. Und dies, was ist es? Der Geist und die in dem Geist zur Reife gelangte Vernunft. Denn der Mensch ist ein vernünftiges Geschöpf. Sein Vorzug erreicht also seine Vollendung, wenn er seine Bestimmung erfüllt. Was ist es aber, was eben diese Vernunft von ihm fordert? Eine Sache, an sich leichter als jede andere: seiner Natur gemäß zu leben. Aber eben sie wird überaus erschwert durch die allgemeine Torheit; wir drängen einander auf den Weg zum Laster. Welche Möglichkeit aber gibt es, die Leute wieder auf den Heilsweg zurückzubringen, die niemand zurückhält, während die große Menge sie mit sich fortreißt? Otto Apelt 1924 |
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