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Vox-Latina-Gottingensis
Ad Lucilium
Epistulae Morales
Liber Primus
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Epistula XI Seneca Lucilio Suo Salutem | ||
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Locutus est mecum amicus tuus bonae indolis, in quo quantum esset animi, quantum ingenii, quantum iam etiam profectus, sermo primus ostendit. Dedit nobis gustum, ad quem respondebit; non enim ex praeparato locutus est, sed subito deprehensus. Ubi se colligebat, verecundiam, bonum in adulescente signum, vix potuit excutere; adeo illi ex alto suffusus est rubor. Hic illum, quantum suspicor, etiam cum se confirmaverit et omnibus vitiis exuerit, sapientem quoque sequetur. Nulla enim sapientia naturalia corporis aut animi vitia ponuntur: quidquid infixum et ingenitum est lenitur arte, non vincitur. |
1 |
Mit deinem prachtvoll begabten Freund habe ich mich unterhalten. Gleich anfangs erkannte ich sein tiefes Gemüt, seinen reichen Geist und die von ihm erlangte hohe Bildung. Die Unterhaltung zeigte mir, was man von ihm noch erhoffen kann. Da ich ihn unversehens überrascht hatte, redete er ohne jede Vorbereitung. Als er sich sammelte, konnte er nur mühsam eine gewisse Beschämung verbergen - und das ist für einen Jüngling erfreulich: Tiefe Schamröte lag auf seinem Gesicht. Sie wird, vermute ich, ihn auch dann noch begleiten, wenn er, zur Männlichkeit voll herangereift, alle Jugendfehler abgelegt hat, sogar als Weisen noch. Keine Weisheit vermag körperliche Naturfehler zu tilgen. Alles, was von Natur eingewurzelt, was uns angeboren ist, vermag Kunst höchstens abzuschwächen, keineswegs zu überwinden. |
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Quibusdam etiam constantissimis in conspectu populi sudor erumpit non aliter quam fatigatis et aestuantibus solet, quibusdam tremunt genua dicturis, quorundam dentes colliduntur, lingua titubat, labra concurrunt: Haec nec disciplina nec usus umquam excutit, sed natura vim suam exercet et illo vitio sui etiam robustissimos admonet. |
2 |
Bei manchem wirklich robusten und kerngesunden Manne bricht vor versammeltem Volk der Schweiß aus - wie bei erschöpften oder erhitzten Menschen -; manchem zittern, wenn er eine Rede halten soll, die Knie; andere bekommen das Zähneklappern, ihre Zunge fängt an zu stammeln, die Lippen bleiben aufeinander gepreßt. Keine strenge Selbstzucht, keine Übung beseitigt Erscheinungen wie diese; die Natur siegt, sie läßt darin nicht nach, erinnert sie doch durch solche Fehler auch die Kräftigsten immer wieder an ihre Allgewalt. |
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Inter haec esse et ruborem scio, qui gravissimis quoque viris subitus affunditur. Magis quidem in iuvenibus apparet, quibus et plus caloris est et tenera frons; nihilominus et veteranos et senes tangit. Quidam numquam magis quam cum erubuerint timendi sunt, quasi omnem verecundiam effuderint; |
3 |
Zu den Erscheinungen dieser Art rechne ich das Rotwerden, das selbst ehrfurchtgebietende Männer urplötzlich überfällt. Zwar tritt es ganz besonders bei jungen Menschen auf, die noch jugendlich wallendes Blut besitzen und allem noch zarter, weicher die Stirn bieten - doch auch wettergehärtete Männer, selbst Greise überwältigt es. Allein, es gibt auch Menschen, die man nie ängstlicher zu fürchten hat, als wenn sie erröten; gerade als ob sie sich allen Schamgefühls entledigt hätten. |
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Sulla tunc erat violentissimus, cum faciem eius sanguis invaserat. Nihil erat mollius ore Pompei; numquam non coram pluribus rubuit, utique in contionibus. Fabianum, cum in senatum testis esset inductus, erubuisse memini, et hic illum mire pudor decuit. |
4 |
Sulla z. B. erwies sich als wild rasender Wüterich immer dann, wenn ihm das Blut ins Gesicht schoß. Umgekehrt war kein Antlitz milder und und nachgiebiger als das des Pompeius; stets, wenn er sich in einem größeren Kreise befand, errötete er, und ganz unabwendbar dann, wenn er in der Volksversammlung zu sprechen hatte. Fabianus, erinnere ich mich, wurde rot, wenn er im Senat als Zeuge aufzutreten hatte, - eine Schamröte, die ihm wider Erwarten gut zu Gesicht stand. |
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Non accidit hoc ab infirmitate mentis, sed a novitate rei, quae inexercitatos, etiam si non concutit, movet naturali in hoc facilitate corporis pronos; nam ut quidam boni sanguinis sunt, ita quidam incitati et mobilis et cito in os prodeuntis. |
5 |
Diese Verschämtheit entspringt nicht einem Mangel an geistiger Selbstbeherrschung, sondern erklärt sich aus der überraschenden Neuheit eines Vorganges, der unerfahrenen Neulingen zwar die Fassung nicht ganz raubt, aber doch erheblichen Eindruck auf sie macht, falls die Anlage dazu in ihnen steckt. Ebenso, wie es trockene, schwerblütige Naturen gibt, so auch Menschen mit leicht erregbarem, schnellflüssigem, sofort im Antlitz zutage tretendem Blut. |
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Haec, ut dixi, nulla sapientia abigit. Alioquin haberet rerum naturam sub imperio, si omnia eraderet vitia. Quaecumque attribuit condicio nascendi et corporis temperatura, cum multum se diuque animus composuerit, haerebunt. Nihil horum vetari potest, non magis quam accersi. |
6 |
Wie gesagt, daran vermag keine Weisheit des Alters etwas zu ändern. Könnte diese Weisheit wirklich alle Fehler und Mängel austreiben, so hätte sie Macht und Gewalt über die gesamte Natur. Was von Geburt an unserem Körper mitgegeben ist, das bleibt, das haftet fest, mag sich der Geist noch so eingehend und noch so lange mit seiner eigenen Formung abgegeben haben. So etwas läßt sich nicht durch Befehle vertreiben, genauswenig wie heraufbeschwören. |
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Artifices scaenici, qui imitantur affectus, qui metum et trepidationem exprimunt, qui tristitiam repraesentant, hoc indicio imitantur verecundiam. Deiciunt enim vultum, verba summittunt, figunt in terram oculos et deprimunt: Ruborem sibi exprimere non possunt; nec prohibetur hic nec adducitur. Nihil adversus haec sapientia promittit, nihil proficit: Sui iuris sunt, iniussa veniunt, iniussa discedunt. |
7 |
Schauspieler, die alle Affekte nachahmen, Furcht und Angst auszudrücken vermögen, sich traurig geben können, - sie stellen die Verschämtheit mit Hilfe folgender Merkmale dar: Das Haupt neigen sie nach unten, sprechen mit leise gedämpfter Stimme, richten den Blick auf den Boden und lassen ihn dort haften. Keiner Kunst aber gelingt es, das Erröten herbeizuzwingen; es läßt sich nicht verhindern, aber auch nicht hervorzaubern. Keine Weisheit kennt ein Mittel dagegen, keine kann etwas gegen das Rotwerden ausrichten: Das sind die Vorgänge, die nur dem eigenen Gesetz folgen, ohne Geheiß da sind, ohne Geheiß verschwinden. |
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Iam clausulam epistula poscit. Accipe, et quidem utilem ac salutarem, quam te affigere animo volo: 'Aliquis vir bonus nobis diligendus est ac semper ante oculos habendus, ut sic tamquam illo spectante vivamus et omnia tamquam illo vidente faciamus'. |
8 |
Doch es ist Zeit, den Brief zu schließen. Vernimm eine nützliche, heilsame Ermahnung und nimm sie dir recht zu Herzen: <<Einen tüchtigen Mann sollen wir uns zum Vorbild wählen und immer vor Augen haben, um gewissermaßen unter seinen Augen zu leben, stets unter seinem Blick zu handeln.>> |
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Hoc, mi Lucili, Epicurus praecepit. Custodem nobis et paedagogum dedit, nec immerito: Magna pars peccatorum tollitur, si peccaturis testis assistit. Aliquem habeat animus quem vereatur, cuius auctoritate etiam secretum suum sanctius faciat. O felicem illum, qui non praesens tantum, sed etiam cogitatus emendat! O felicem, qui sic aliquem vereri potest, ut ad memoriam quoque eius se componat atque ordinet! Qui sic aliquem vereri potest, cito erit verendus. |
9 |
Das, mein lieber Lucilius, ist ein Mahnwort Epikurs. Einen Hüter und Pädagogen gibt er uns zur Seite, und das mit vollem Recht: Ein großer Teil unserer Fehler wird schon dadurch beseitigt, daß dem Menschen, der dabei ist, einen Fehler zu begehen, ein Zeuge zur Seite steht. Ein Vorbild muß die Seele haben, vor dem Ehrfurcht sie erfaßt, unter dessen Einfluß sie auch ihre geheimsten Gefühle heiligt. Glücklich der Mann, der nicht bloß durch seine Gegenwart, sondern schon dadurch, daß man an ihn denkt, den Mitmenschen bessert! Glücklich auch der Mensch, der für einen Mitmenschen solche Ehrfurcht zu empfinden vermag, daß die bloße Erinnerung an ihn das eigene Ich in Ordnung bringt und formt! Wer einen anderen so innig zu verehren vermag, wird selbst bald verehrungswürdig werden. |
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Elige itaque Catonem! Si hic tibi videtur nimis rigidus, elige remissioris animi virum Laelium. Elige eum cuius tibi placuit et vita et oratio et ipse animum ante se ferens vultus! Illum tibi semper ostende vel custodem vel exemplum. Opus est, inquam, aliquo ad quem mores nostri se ipsi exigant: Nisi ad regulam prava non corriges. Vale. |
10 |
Nimm dir einen Mann wie Cato zum Vorbild! Oder, erscheint er dir zu starr und unbeugsam, wähle dir einen Mann wie Laelius - er ist kein so starrer Prinzipienreiter! Jedenfalls wähle dir einen Mann, dessen Leben auf dich besonderen Eindruck machte, ebenso sein Sprechen und sein Antlitz als Spiegel seiner Seele! Ihn halte dir stets vor Augen als Wächter und als Vorbild! Wir brauche, das will ich dir sagen, ein Vorbild, an dem sich unser eigener Charakter formt und mißt: Nur an der Richtschnur läßt sich Verfehltes wieder in Ordnung bringen. |
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