Vox-Latina-Gottingensis

Original und Nachdichtung

L. Annaei Senecae

Ad Lucilium

Epistulae Morales

Liber Primus

Epistula VII

Seneca Lucilio Suo Salutem

Quid tibi vitandum praecipue existimes quaeris? Turbam. Nondum illi tuto committeris. Ego certe confitebor inbecillitatem meam: Numquam mores, quos extuli, refero; aliquid ex eo, quod composui, turbatur, aliquid ex iis, quae fugavi, redit. Quod aegris evenit, quos longa inbecillitas usque eo adfecit, ut nusquam sine offensa proferantur, hoc accidit nobis, quorum animi ex longo morbo reficiuntur.

1

Du fragst,was du nach meiner Meinung besonders zu meiden habest. Das Menschengedränge, sage ich. Noch darfst du dir dafür die volle Kraft nicht zutrauen. Ich wenigstens will dir meine Schwäche gestehn. Niemals kehre ich ohne eine gewisse sittliche Beeinträchtigung von solchen Ausgängen zurück. Manches von mir Wohlgeordnete sehe ich in Verwirrung, manches von mir Verabschiedete sehe ich wiederkehren. Es geht uns wie den Kranken, die durch anhaltende Schwäche dermaßen empfindlich geworden sind, daß sie nirgends ohne einen Anfall an die Luft gebracht werden können. Wir befinden uns in einem lang anhaltenden Heilungsprozeß unserer Seele.

Inimica est multorum conversatio: Nemo non aliquod nobis vitium aut commendat aut inprimit aut nescientibus adlinit. Utique quo maior est populus, cui miscemur, hoc periculi plus est. Nihil vero tam damnosum bonis moribus quam in aliquo spectaculo desidere; tunc enim per voluptatem facilius vitia subrepunt.

2

Da übt der Verkehr mit der Menge eine feindliche Wirkung aus: Keiner, der uns nicht irgendeine Untugend sei es empföhle oder aufdrängte oder unbemerkt beibrächte. Kein Zweifel: Je zahlreicher die Menge ist, unter die wir geraten, um so größer ist die Gefahr. Nichts aber ist so gefährlich für die guten Sitten als das lange Verweilen in einer Schauvorfühung; denn da schleichen sich, durch das Ergötzliche der Schaustellung befördert, die Laster leichter ein.

Quid me existimas dicere? Avarior redeo, ambitiosior, luxuriosior? Immo vero crudelior et inhumanior, quia inter homines fui. Casu in meridianum spectaculum incidi, lusus exspectans et sales et aliquid laxamenti, quo hominum oculi ab humano cruore acquiescant. Contra est: Quidquid ante pugnatum est, misericordia fuit; nunc omissis nugis mera homicidia sunt. Nihil habent, quo tegantur; ad ictum totis corporibus ex positi numquam frustra manum mittunt.

3

Was will ich damit sagen? Ich kehre habgieriger zurück, ehrgeiziger, genußsüchtiger, ja auch grausamer und unmenschlicher, weil ich unter Menschen war. Der Zufall führte mich in eine Schauspielvorstellung. Ich erwartete allerhand Kurzweil, Späße und Erheiterung, kurz lauter Dinge, diemit dem Anblick von Menschenblut so wenig als möglich zu tun hätten, vielmehr davon abzulenken geeignet wären: Das Gegenteil war der Fall. Alles, was an Kämpfen vorausgegangen war, war hiermit verglichen Barmherzigkeit. Von Scherzspiel keine Spur mehr, alles ist jetzt reiner Menschenmord. Ohne jeden Schutz für den Körper, mit ganzem Leibe dem Streiche bloßgestellt, regen sie die Hand niemals vergeblich. zum Stoß.

Hoc plerique ordinariis paribus et postulaticiis praeferunt. Quidni praeferant? Non galea, non scuto repellitur ferrum. Quo munimenta? Quo artes? Omnia ista mortis morae sunt. Mane leonibus et ursis homines, meridie spectatoribus suis obiciuntur. Interfectores interfecturis iubent obici et victorem in aliam detinent caedem; exitus pugnantium mors est. Ferro et igne res geritur.

4

Daran findet die Menge größeres Wohlgefallen als an den paarweise und kunstmäßig geordneten Gladiatorenspielen. Warum auch nicht? Weder Helm noch Schild bietet Wehr gegen das Schwert. Wozu Schutzmittel? Wozu künstliche Vorrichtungen? Alles das ist nur eine Verschleppung dessen. worauf es der Menge ankommt - des Todes. Des Morgens wirft man den Löwen und Bären Menschen vor, des Mittags den Zuschauern. Auf ihren - der Zuschauer - Befehl wird, wer eben glücklich einen Mord vollzogen, einem kampfbereiten Mörder als Opfer vorgeworfen, und der Sieger wird wieder zu weiterem Mordspiel aufgespart, bis der Tod aller Kämpfer dem Spiele den Abschluß gibt. Mit Feuer und Schwert wird gewütet.

Haec fiunt, dum vacat harena. 'Sed latrocinium fecit aliquis, occidit hominem.' Quid ergo? Quia occidit, ille meruit, ut hoc pateretur: Tu, quid meruisti, miser, ut hoc spectes? 'Occide, verbera, ure! Quare tam timide incurrit in ferrum? Quare parum audacter occidit? Quare parum libenter moritur? Plagis agatur in vulnera, mutuos ictus nudis et obviis pectoribus excipiant.' Intermissum est spectaculum: 'Interim iugulentur homines, ne nihil agatur'. Age, ne hoc quidem intellegitis, mala exempla in eos redundare, qui faciunt? Agite dis immortalibus gratias, quod eum docetis esse crudelem, qui non potest discere.

5

So geht's dort her in der Zeit der Mittagspause. >>Aber vielleicht hat einer einen Raub begangen, hat einen Menschen umgebracht.<< Gut. Er hat einen Mord begangen, hat also sein Schicksal verdient. Aber du, Unseliger, was berechtigt dich, den Zuschauer abzugeben?>>Töte, schlag zu, nimm Feuer zu Hilfe! Warum diese zögernde Angst vor dem Schwert? Warum gibt er den Todesstoß nicht herzhaft genug? Warum stirbt er so ungern? Mit Gewalt muß er ins Blutbad getrieben werden. Mit nackter und willig sich bietender Brust müssen die Kämpfer den wechselseitigen Stößen sich aussetzen.<< In dem Schauspiel ist ja doch eine Pause eingetreten. >>Einstweilen indes müssen Menschen erwürgt werden, damit doch etwas vor sich gehe.<< Also selbst dafür habt ihr kein Einsehen, daß böse Beispiele auf die zurückwirken, welche sie veranlassen? Danket den unsterblichen Göttern, daß ihr euch dem zu Lehrern der Grausamkeit macht, der davon nichts zu erlernen vermag.

Subducendus populo est tener animus et parum tenax recti: Facile transitur ad plures. Socrati et Catoni et Laelio excutere morem suum dissimilis multitudo potuisset: Adeo nemo nostrum, qui cum maxime concinnamus ingenium, ferre impetum vitiorum tam magno comitatu venientium potest.

6

Ein zartes und im Guten noch nicht hinreichend befestigtes Gemüt muß man dem Einfluß der großen Menge entziehen: Die Mehrzahl hat eine ansteckende Kraft. Sogar einen Sokrates, einen Cato und Laelius hätte eine ihnen wenn auch noch so unähnliche Menge in ihrem sittlichen Standpunkt irremachen können,geschweige denn, daß einer von uns, die wir gerade jetzt an unserer Geistesbildung arbeiten, dem Angriff von Lastern gewachsen sein würde, die mit so großem Gefolge gegen uns anstürmen.

Unum exemplum luxuriae aut avaritiae multum mali facit: Convictor delicatus paulatim enervat et mollit, vicinus dives cupiditatem inritat, malignus comes quamvis candido et simplici rubiginem suam adfricuit: Quid tu accidere his moribus credis, in quos publice factus est impetus?

7

Ein einziges Beispiel von Schlemmerei oder Habsucht richtet viel Unheil an; ein verwöhnter Hausfreund überträgt seine Schlaffheit und Weichlichkeit allmählich auch auf uns; ein reicher Nachbar regt unsere Begehrlichkeit auf; ein bösartiger Genosse läßt auch die lautersten und ehrlichsten Gefährten nicht ohne Spuren seines verunreinigenden Einflusses davonkommen. Worauf muß man sich also gefaßt machen, wenn das ganze Volk gegendie Sittlich anstürmt?

Necesse est aut imiteris aut oderis. Utrumque autem devitandum est: Neve similis malis fias, quia multi sunt, neve inimicus multis, quia dissimiles sunt. Recede in te ipse, quantum potes; cum his versare, qui te meliorem facturi sunt, illos admitte, quos tu potes facere meliores. Mutuo ista fiunt, et homines, dum docent, discunt.

8

Hier hat man nur die Wahl zwischen Nachahmen und oder Hassen. Beides aber ist zu meiden. Man soll sich weder den Bösen gleic hmachen aus keinem anderen Grunde, als weil sie in der Überzahl sind, noch soll man zum Feinde der Menge werden, weil sie nicht gleich mit uns ist. Ziehe dich also in dich selbst zurück soweit wie möglich. Verkehre nur mit Leuten, die dich besser machen können, und laß solche sich an dich anschließen, die du besser machen kannst.So kommt es zu einer Wechselwirkung; man lernt, indem man lehrt.

Non est, quod te gloria publicandi ingenii producat in medium, ut recitare istis velis aut disputare; quod facere te vellem, si haberes isti populo idoneam mercem: Nemo est, qui intellegere te possit. Aliquis fortasse, unus aut alter incidet, et hic ipse formandus tibi erit instituendusque ad intellectum tui. 'Cui ergo ista didici?' Non est, quod timeas, ne operam perdideris, si tibi didicisti.

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Laß dich also nicht durch das ehrgeizige Streben nach öffentlicher Anerkennung deines Talentes dazu verleiten, deine Sachen den Leuten vorzulesen oder mit ihnen darüber zu diputieren, obschon dies an sich nicht unangebracht und meiner Meinung nach ganz erwünscht wäre, wenn du dem Volke eine seinem Geschmack entsprechende Ware bieten könntest; allein es gibt niemanden, der dich verstehen könnte. Wohl möglich, daß sich einer oder der andere findet; aber auch dieser müßte von dir erst herangebildet und unterwiesen werden, um dich zu verstwhwn. >>Für wen habe ich also meine Weisheit erlernt?<< Du brauchst nicht zu fürchten, es wäre verlorene Mühe gewesen, wenn du sie für dich erlernt hast.

Sed ne soli mihi hodie didicerim, communicabo tecum, quae occurrunt mihi egregie, dicta circa eundem fere sensum tria, ex quibus unum haec epistula in debitum solvet, duo in antecessum accipe. Democritus ait,

'unus mihi pro populo est, et populus pro uno'.

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Doch um heute nicht für mich allein gelernt zu haben, will ich dir drei treffliche Sprüche ungefähr desselben Sinnes mitteilen, auf die ich gestoßen bin. Mit dem einen von ihnen will ich meine gewöhnliche Schuld bezahlen, die anderen beiden nimm als Vorauszahlung in Empfang. Demokrit sagt:

>>Einer gibt mir so viel wie das ganze Volk, und das Volk so viel wie einer.<<

Bene et ille, quisquis fuit - ambigitur enim de auctore -, cum quaereretur ab illo, quo tanta diligentia artis spectaret ad paucissimos perventurae,

'satis sunt' inquit 'mihi pauci, satis est unus, satis est nullus'.

Egregie hoc tertium Epicurus, cum uni ex consortibus studiorum suorum scriberet:

'Haec' inquit 'ego non multis, sed tibi; satis enim magnum alter alteri theatrum sumus'.

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Treffend antwortete auch jener - wer es gewesen, läßt sich nicht sicher bestimmen - auf die Frage, wozu er sich so sehr abmühe mit einer Kunst, für die nur ganz wenige Leute Verständnis haben würden.:

>>Mir genügen wenige, mir genügt einer, ja mir genügt auch gar keiner.<<

Vortrefflich ist auch der dritte Spruch; er stammt von Epikur, der einem seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter folgendes schrieb:

>>Dies schreibe ich nicht für die Vielen, sondern für dich; denn wir sind einer dem anderen ein hinreichend zahlreiches Publikum..<<

Ista, mi Lucili, condenda in animum sunt, ut contemnas voluptatem ex plurium assensione venientem. Multi te laudant: Ecquid habes cur placeas tibi, si is es quem intellegant multi ? Introrsus bona tua spectent.

Vale.

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Diese Mahnung, mein Lucilius, laß dir tief zu Herzen gehen: Verachte die Lust, die aus dem Beifall der Menge entspringt. Viele loben dich; darfst du dir aber wirklich etwas darauf einbilden, wenn du ein Mensch bist, den viele verstehen? Nach dem Inneren sollen deine Vorzüge liegen.

Otto Apelt 1924