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Egidius Schmalzriedt: Marcus VALERIUS MARTIALIS (um 40-104)

EPIGRAMMATA (lat.; Epigramme).

1557 Epigramme und Kurzgedichte in insgesamt fünfzehn Büchern von Marcus Valerius Martialis (um 40-104), entstanden zwischen 80 und etwa 101. -

Die Sammlung gibt einen außergewöhnlichen tiefen Einblick in die Kultur der Kaiserzeit. Die Einweihung des Kolosseum (80 n. Chr.) unter Titus nimmt der Dichter zum Anlaß, mit einem - in den Ausgaben voranstehenden - Buch der Schauspiele die Aufmerksamkeit des Herrschers und der Öffentlichkeit auf sich zu lenken.

Die Bücher 1-10 entstehen unter Domitian, Buch 11 unter Nerva, die Umarbeitung des zehnten und das um 101 n. Chr. aus der spanischen Heimat nach Rom gesandte zwölfte Buch unter Traian. Die Bücher Xenia (Gastgeschenke, 13) und Apophoreta (Tafelgeschenke, 14) wurden dagegen bereits um das Jahr 85 herausgegeben. Sie enthalten fast ausschließlich zweizeilige Distichen, die man sich als neckische Begleittexte zu kleinen Geschenken, wie sie vor allem am Saturnalienfest üblich waren, zu denken hat.

Die meisten Gedichte der Hauptsammlung (Buch 1-12) sind jedoch gänzlich losgelöst von einer - sei es auch nur fiktiven - gesellschaftlichen Funktion. In den gelungensten dieser Stücke findet der Dichter zu der seitdem für immer mit seinem Namen verbundenen literarischen Form des Epigramms: einer Verbindung von Phantasie, Prägnanz - und Galle. In der langen Tradition der griechischen und römischen Epigrammkunst gibt es hierfür nichts Vergleichbares. Nur Catull (vgl. das Vorwort zu Buch 1) kann als Vorläufer betrachtet werden, worauf auch die Metren - hauptsächlich Distichen, dazu Hinkiamben - hinweisen; allein bei ihm begegnet uns das Epigramm schon als freie künstlerische Ausdrucksform. Martial gebraucht diese Form aber nicht zur elegischen Selbstdarstellung, sondern als Instrument satirischer Zeitkritik. Erbarmungslos registrierend und mit oft erschreckender Nüchternheit demaskiert er, was ihm auf dem weiten Feld menschlicher Unzulänglichkeiten begegnet. Die Auflösung der gesellschaftlichen Ordnung, die zunehmende Pervertierung des Sexuellen, das - wenigstens in der Hauptstadt - immer krassere Mißverhältnis zwischen Arm und Reich erscheinen als die Symptome eines ins Groteske und Gespenstische stilisierten Endzustands. Nur der jeweilige Kaiser bleibt außerhalb der Kritik, ja genießt - so will es aufs erste scheinen - eine fraglos begeisterte Verehrung; daß es sich dabei vornehmlich und ausgerechnet um Domitian handelt, macht dieses Faktum kaum weniger grotesk. Besonders aufschlußreich ist der enge Kontakt, den Martials Gedichte zur literarischen und menschlichen Umwelt halten. Nicht nur zu den bedeutenden Spaniern, die im ersten Jahrhundert in Rom Karriere machten - Seneca, Lukan und Quintilian -, auch zu Silius Italicus, Iuvenal, Persius, zu der Dichterin Sulpicia und dem jüngeren Plinius steht der Dichter in lebendiger literarischer oder persönlicher Beziehung. Kaiserhaus und Arena, Gassen und Bäder, üppige und karge Tische und Betten sind die Schauplätze, auf die sich der Leser geführt sieht. Die Form erweist sich als sehr variabel; sie reicht vom sarkastischen Einzeiler ("Cinna will arm scheinen; er ist es auch!" 8,19) bis zur elegischen Idylle (3,58; 4,55), von der scharf beobachtenden, unbestechlichen Satire bis zur bösartigen Invektive, von der Kundgabe liebevollen Zartgefühls bis zum unflätigsten Priapeum.

Der Hochschätzung, die das gesamt 17. und 18. Jh., vor allem Lessing, Martial entgegenbrachten, folgte eine längere Zeit der Verständnislosigkeit. Abgestoßen und befremdet von der charakterlichen Haltung des Epigrammatikers, wie sie in dem speichelleckerischen Opportunismus gegenüber den einzelnen Kaisern zum Ausdruck zu kommen schien, begnügte man sich vornehmlich mit der Auswertung des in den Gedichten enthaltenen kulturhistorischen Materials. Auch fiel es schwer, über die allzu handgreifliche Obszönität in manchen Büchern - Martial nennt es "schlicht römisch reden" ("Romana simplicitate loqui") und sieht darin "den spezifisch epigrammatischen Ton" ("epigrammaton linguam", Vorwort zu 1) - einfach hinwegzusehen oder in ihr, wie Lessing es tat, eine pädagogische Absicht der Abschreckung zu erkennen. In jüngster Zeit trat vor allem Otto Seel der Abwertung Martials entgegen, indem er den inkriminierten Komplex der "Bettelpoesie" als ein zu allen Zeiten wiederkehrendes soziologisches Phänomen deutete und das humanistische Renaissance-Menschenbild, das hinter dieser Kritik steckt und den Blick für die gesellschaftlichen und geistesgeschichtlichen Voraussetzungen des ersten Jahrhunderts verstellen muß, auf seinen historischen Geltungsbereich verwies: "Hier ist das Leben in seiner trostlosen Armseligkeit angenommen. Und in diese Welt hinein, aus diesem enttäuschten Leben heraus hat Martial seine Epigramme geschrieben, mit dem illusionslosen Blick dafür, daß es eine wölfische und eine hündische Welt war, in der er lebte, an der er teilhatte, und in der es darauf ankam, mit den Wölfen zu heulen und mit den Hunden zu winseln. Die Bühne ist Rom, der Protagonist der jeweilige Kaiser ... Dazu dann die Chargen und Statisten: Welt und Halbwelt, Banausen und Nichtstuer, Zuhälter und Dirnen, Schmarotzer, Erbschleicher, Heuchler, Spitzbuben, Gauner, Geprellte, pfiffige Narren, dazu die Liederlichen und Perversen, Päderasten und Kokotten, Händler, Gaukler, Schildwachen, Flaneure, agierend als Staffage und Statisten im Ambiente von Theater, Mimus und Zirkus, bei Gelagen, Massenmord und Bäderluxus ... Es gibt Zeiten und Stile, in denen das Grelle, das Plakathafte, das Marktschreierische zum legitimen Mittel wird, Zartestes und Intimstes auszusparen und so zugleich auszudrücken. Die spiegelnde Glätte des Oberflächlichen gewinnt etwas Gespenstisches, die krassen Farben geraten ins Vibrieren und hinter dem Lustigen liegt Resignation und Tristesse ... Wie sehr zur Hand lagen in der Zeit die hohen Worte, das Geflunker mit Idealen und anspruchsvollen Maximen! Es war viel schwerer, davon so konsequent zu schweigen als zu reden. Dieses Verschweigen aber ist irgendwie in die Nichtigkeiten des Vordergrundes mit hineingenommen, sozusagen als dessen Leerraum.  

So erzwingt gerade eine übermächtige Paradoxie der Wirklichkeit das schillernde, doch konsequente Nebeneinander von echter Resignation und nutzbringender Mimikry (das Lob gilt stets wirklichen Namen, der Spott nur fiktiven), von Rom-Satire und Rom-Liebe, von monströser Arena-Grausamkeit und eilfertiger Kaiser-Huldigung (etwa Buch der Schauspiele, 5), von fanatischer Dichtwut und selbstironischer Distanz zur eigenen Kunst (dem "Würfelspiel", 13,1; vgl. 5,15), von gemeinstem Zynismus und zartem Empfinden. Das einzige "Liebesgedicht" (5,34) erscheint hier bezeichnenderweise in der Form der Grabaufschrift. Daß Martials Dichtung tatsächlich als im modernen Sinn realistisch verstanden werden kann und, bei aller Distanz zu den Dingen, aus dieser Realistik den ihr eigenen Rang und sogar ein gewisses Ethos gewinnt, zeigt die nachdrückliche Abhebung der Gattung von der mythischen, d. h. realitätsfernen, Kunst der Tragödie und des Epos: "Was ein Epigramm ist, Flaccus, fürwahr, weiß nicht, / wer darunter nur Spiel und Jux versteht. / Mehr spielt jener, der vom Mahl des wüsten Tereus / schreibt oder, grausiger Thyestes, von deiner Speise ..." (4,49; vgl. 9,50). Wo in reflektierter Dichtung Wirklichkeit und Mythos so aufeinanderklaffen und die Wirklichkeit an die Stelle des Mythos tritt, tut sich die tiefe intellektuelle Gespaltenheit einer Epoche auf: das stellt Martial in eine Reihe mit Petronius und Iuvenal.

Freilich: dies alles wird eigentlich erst rückwirkend, aus der Erfahrung der neuzeitlichen Dichtung, deutlich. Für die Geschichte der Weltliteratur bedeuteten Martials Epigramme in erster Linie zugleich Beginn und Höhepunkt einer Form. Nach der Beschreibung, die Lessing in seinen Zerstreuten Anmerkungen über das Epigramm (1771) am Beispiel des Martial von dieser Form gibt, beruht sie auf der knappen Kontrastierung zweier Teile; eines ersten, der, von einem konkreten Anlaß ausgehend, die Erwartung des Lesers spannt, und eines zweiten, der das Konkrete auf ein - dennoch unerwartetes - Allgemeines bezieht (Aufschluß), die Erwartung explosionsartig auflöst (Pointe). Mit einem Äußersten an Kürze und Geschliffenheit genügt Martial in sehr vielen - nicht allen - Gedichten (etwa 4,21; 8,5; 11,38 und 62) auf vorbildliche Weise diesem Kunstgesetz. Die Frische und Lebendigkeit, der unerschöpfliche Einfallsreichtum und, als Wichtigstes, die ungekünstelte, unmittelbar aus dem Leben gegriffene Wahrheit seiner Verse sicherten ihm darüber hinaus eine Bewunderung, die von der Antike über das Mittelalter (das ihm den sonderbaren Beinamen coquus, Koch, gab) bis zu Goethe und Schiller (Xenien, 1797) immer wieder zur Nachfolge anregte.

Quelle: Egidius Schmalzriedt, Hauptwerke der antiken Literaturen. Einzeldarstellungen und Interpretationen zur griechischen, lateinischen und biblisch-patristischen Literatur, München (Kindler) 1976, s. v. Marcus Valerius Martialis