Vox-Latina-Gottingensis

Biographisches

zu Persönlichkeiten

der Antike

Gerhard Metzger

Der Dichter M. Valerius Martialis (ca. 40-100 n. Chr.), der ausschließlich Epigramme verfaßte, stammt aus Bilbilis in Spanien und kommt 64 n. Chr. nach Rom, wo ihn zunächst sein Landsmann Seneca unterstützt, später sogar die Kaiser Titus und Domitian protegieren. Als er bei Nerva und Trajan auf Desinteresse stößt, kehrt er - Plinius versorgt ihn mit dem Reisegeld - nach Bilbilis zurück.

In seinen knappen, immer treffenden Epigrammen hat er ein lebhaftes Bild der Stadt Rom seiner Zeit hinterlassen, das oft wenig sympathische Züge zeigt. Im Jahre 80/81 n. Chr. erscheinen die 33 Epigramme auf die Einweihung des von Kaiser Vespasian erbauten riesigen römischen Amphitheaters, des Kolosseums ("Liber spectaculorum" genannt), in denen er die blutigen Gladiatorenspiele und Tierhetzen der Arena für immer ins Wort bannt. Dann folgen, etwa in Jahresabständen veröffentlicht, 12 Bücher "Epigrammata", in denen er sich alle typischen Großstadtlaster vornimmt. Freilich fehlen auch Gelegenheitsgedichte zu Geburtstagen, Heiraten usw. nicht in der Sammlung.

Martial hat ein ungewöhnlich scharfes Auge für das Groteske, ja für das Absurde der von ihm dargestellten Welt. Man betrachte etwa folgendes Epigramm aus dem "Liber spectaculorum":

Inter Caesareae discrimina saeva Dianae

Fixisset gravidam cum levis hasta suem,

Exiluit partus miserae de vulnere matris.

O Lucina ferox, hoc peperisse fuit?

Pluribus illa mori voluisset suucia telis,

Omnibus ut natis triste pateret iter.

Quis negat esse satum materno funere Bacchum ?

Sic genitum numen credite: natafera est.

Martial, Liber spectaculorum 12

Als bei dem blutigen Kampf der kaiserlichen Diana 1

Einst der behende Speer fuhr in die trächtige Sau,

Sprang ein Junges hervor aus der armen Mutter Verletzung.

Harte Lucina 2, heißt dieses Gebären bei dir?

Aber sie wäre gern durch mehr Geschoße gestorben,

Hätte der traurige Weg sämtlichen Kindern gedient.

Wer läßt Bacchus entsproßt nicht sein aus der Leiche der Mutter 3 ?

Daß so geboren der Gott, glaubt nun, ist's doch das Wild!

(Übersetzungen von Berg)

Der Vergleich der grauenhaften Szene in der Arena mit dem Mythos von der Geburt des Bacchus ist mehr als eine gelungene Pointe: Er hebt die sterbende und gebärende Sau grell ins Bewußtsein des Lesers, macht den Mythos andererseits fast unerträglich. Noch prägnanter geschieht dies in folgendem Epigramm:

Daedule, Lucano cum sic lacereris ab urso,

Quam cuperes pinnas nunc hahuisse tuas!

Martial, Liber spectaculorum 8 

Dädalus, während du vom lukanischen Bären zerfleischt wirst,

wie sehr hättest du, jetzt Flügel zu haben gewünscht.

Der unvereinbare, den Leser aufrüttelnde Widerspruch findet sich auch in den sonstigen Epigrammen:

Nuper erat medicus, nunc est vispillo Diaulus:

Quod vispillo fecit, fecerat et medicus.

Martial, Epigramme 1,47 

Früher ein Arzt, ist jetzt Diaulus Leichenbestatter;

Leichenbestatter, wie jetzt, war er auch früher als Arzt.  

oder: 

Thais habet nigros, niveos Laecania dentes.

Quae ratio est? Emptos haec hahet, illa suos.

Martial, Epigramme 5,43 

Weiße Zähne besitzt Läkania, schwarze die Thais.

Woher kommt es? Sie trägt ihre, gekaufte die.

Die Wirkung seiner Epigramme auf die römischen Zeitgenossen beschreibt Martial selbst treffend in seinem Epigramm:

Laudat, amat, cantat nostros mea Roma libellos,

Meque sinus omnes, me manus umnis habet.

Ecce rubet quidam, pallet, stupet, oscitat, odit.

Hoc volo: Nunc nobis carmina nostra placent.

Martial, Epigramme 6,60 

Meine Gedichte lobt und liebt und singet mein Rom,

Mich hält jegliche Hand, jeglicher Busen mich gern.

Rot wird einer und blaß und still und gähnet 4 und haßt mich.

So ist's recht: Es gefällt mir auch mein Büchelchen jetzt.  

Zunächst gefallen die Epigramme, sie sind witzig und leicht zu behalten, sie sind Mode: Jeder hat sie griffbereit in der Tasche. Aber plötzlich geht dem Leser ein Licht auf, Blässe überkommt ihn, staunendes Mundaufsperren über so manchen Abgrund der als harmlos empfundenen Umwelt, welcher da vom Dichter aufgedeckt wird: Und genau das will Martial.

 Quelle: Gerhard Metzger, Lateinische Literaturgeschichte, Freising (Stark-Verlag) 1992, S. 82-84_______ 

1 Metonym für Tierhetze

2 Geburtsgöttin

3 Als die Geliebte des Zeus, Semele, von dem Gott verlangt, er solle sich in seiner wahren Gestalt zeigen, verbrennt sie in der Glut des sich in strahlendem Feuer offenbarenden Gottes. Ihr Sohn Dionysos wird ihrem sterbendem Leib entrissen.

4 "stupet, oscitat": wörtlich: "er staunt, er sperrt das Maul auf"