Vox-Latina-Gottingensis

Biographisches

zu Persönlichkeiten

der Antike

Ludwig Bieler

M. VALERIUS MARTIALIS stammt aus Bilbilis (Bambola) im tarraconensischen Spanien. Seine Mannesjahre (etwa 64-98) verbrachte er in Rom. Einen Beruf zu ergreifen, lag ihm nicht; er zog es vor, sich als Literat und hanger-on der Großen durchzuschlagen. Das ist ihm offenbar auch einigermaßen gelungen: er besaß später ein Stadthaus und ein kleines Landgut und hatte genug Vermögen, um Ritter zu werden. Von jedem der drei Flavier erhielt er das ius trium liberorum, den Erlaß der Kinderlosensteuer. Auch sonst gehörte er zu jenen, die sich gerne bedanken. Der Preis dafür war eine freilich mit höchster formaler Kunst betriebene literarische Prostitution. Den Tyrannen Domitian hat er unermüdlich als den idealen Herrscher gepriesen; es spricht immerhin für den Gefeierten, daß er nicht viel darauf gab. Als unter Nerva ein neuer Wind zu wehen begann, versuchte Martial eine Frontwendung (vgl. das Epigramm Schol. luv. 4, 38 Flavia gens, quantum tibi tertius abstulit heres / Paene fuit tanti non habuisse duos, etwa: "Wieviel hat, Flavierhaus, der dritte dir genommen! / Fast wünschte man, die ersten wären nie gekommen"). Doch scheint er damit kein Glück gehabt zu haben, denn er ging um diese Zeit nach Bilbilis zurück, nicht ohne leisen Zweifel, wie man ihn aufnehmen werde (vgl. 10, 93). Dort wird er zwischen 102 und 104 gestorben sein.

Martial hat eine einzige Kunstform gepflegt: das Epigramm. Gewiß hatte er Vorgänger; er selbst nennt u.a. Catull und Domitius Marsus, dessen Cicuta ("Schierlingstrank") ihm vielleicht für die besondere Pflege des Spottepigramms Vorbild war. Aber es lag doch wesentlich im Geist der Zeit, daß ein Dichter wie Martial, dessen Stärke in der Beobachtung der Umwelt und in der Begabung für die Pointe lag, sich ausschließlich einer Kleinkunst widmete, die in gewissem Sinn ein Gegenstück zum Aphorismus Senecas ist. Die mehr als 1500 Epigramme wurden von Martial in Büchern gesammelt und diese einzeln oder in Gruppen, meist mit einem Vorwort in Vers oder Prosa, herausgegeben. Der Epigrammatum liber ("Liber Spectaculorum"), der in den Herausgaben den übrigen Büchern ungezählt vorangeht, hat Zirkusspiele des Kaisers Titus zum Gegenstand. Die Xenia und Apophoreta (Buch 13 und 14 der postumen Gesamtausgabe) sind Begleitverse für Saturnaliengeschenke; da man sich gern Bücher gab, sind sie wertvoll für unsere Kenntnis des antiken Buchwesens. Buch 1 bis 12 sind vermischten Inhalts: Literatur, Gesellschaft, Persönliches. Auffallend ist Martials Schweigen über Tacitus und Statius; letzteren sah er wohl als Rivalen bei seinen Gönnern an. Die Gesellschaft der Zeit zeichnet er mit scharfem Blick, aber sittlicher Indifferenz; er spottet, oft verletzend, doch ohne Entrüstung. Die obszönen Stücke (und deren sind nicht wenige) ermüden durch die geistlose Abwandlung weniger Themen; nur zu oft begegnen wir der alternden Halbweltdame und dem Kinäden. In den persönlichen Gedichten nehmen unwürdige Schmeicheleien und berechnende Klage über seine "Armut" viel Raum ein; aber wir lesen auch so Reizvolles wie seine "Rechtfertigung" vor dem ersten Quintilian (2,90), die in den Wunsch ausklingt: "Satt soll mir sein der Sklave, die Frau nicht allzu belesen, / Schlummer spendend die Nacht, frei von Prozessen der Tag." - In der Metrik sind die catullischen Elfsilbler und Hinkjamben noch häufig, aber das elegische Distichon herrscht vor als das epigrammatische Versmaß. Die Variation der Metren innerhalb eines Buches ist ebenso kunstvoll wie die der Themen; Zyklen von Motivabwandlung sind oft über ein ganzes Buch verteilt. Technisch - und das schließt die gedankliche Formulierung ein - hat Martial das Epigramm zur höchsten Vollendung geführt und oft an Geist und Schärfe selbst die Griechen übertroffen. So ist er für alle Folgezeit zum Klassiker seiner Gattung geworden.

Quelle: Ludwig Bieler, Geschichte der römischen Literatur II, Berlin (Sammlung Göschen; de Gruyter) 1972, S. 91/92