Vox-Latina-Gottingensis

Biographisches

zu Persönlichkeiten

der Antike

Catull

Gaius Valerius Catullus, 87 - 54 v. Chr. In Verona geboren, kam er früh nach Rom, wo er im Kreise gleichgesinnter Freunde ein freies Dichterleben führte;

als genialer Vertreter einer neuen literarischen Richtung (neoterici, > Neoteriker), die man als "intime Moderne" bezeichnet hat, steht er den bedeutendsten Lyrikern der Weltliteratur ebenbürtig zur Seite; der erste Römer, in dessen Dichtungen sich das persönliche Leben stark und rein widerspiegelt.

Er begann mit Übersetzungen und Nachbildungen gelehrter und kunstvoller alexandrinischer Gedichte, besonders des Kallimachos (>Berenike);

viel wertvoller und hinreißend frisch und ursprünglich seine Herzensergießungen, gleichsam ein poetisches Tagebuch, in dem er allen Gefühlen und Stimmungen seines jugendlich empfindsamen Herzens unmittelbaren Ausdruck verleiht.

Neben Hochzeitsgedichten, Freundschafts- und Trinkliedern, Spottversen und politischen Epigrammen

stehen die berühmten Liebeslieder auf Lesbia (Clodia; > Claudier), eine vornehme Römerin, die sein Glück und sein Verhängnis wurde.

In seinen scheinbar spielend hingeworfenen und doch höchst kunstvollen Versen hat er die spröde lateinische Sprache den verschiedensten griechischen Metren erschlossen.

Er beherrschte viele Formen der kompositorischen Gestaltung (Brief, Epigramm, Mono- und Dialog, Elegie, Epyllion);

seine Sprache besaß eine reiche Ausdrucksskala für alle Nuancen seines Stimmungs- und Erlebnisreichtums.

Diese Ausdrucksfähigkeit, verbunden mit Bekenntniskraft und rückhaltloser Selbstäußerung, sichert den Liedern historischen Rang und einen einmaligen Platz in der römischen Literatur. -

Einige Lieder übersetzte geistesverwandt E. Mörike.

Eine eigentliche Rezeption erfuhr Catull erst im 20. Jh.:

Ezra Pound;

Carl Orffs Vertonungen.

> Hochzeit; Attis

Text:

W. Kroll, Text und Kommentar 1968

R. Helm, 1971

O. Weinreich 1960 und 1969

Übersetzung:

M. Brod, 1914 

Literatur:

O. Weinreich, Die Distichen des Catull, 1926, neu 1964

Quelle: Wörterbuch der Antike, Stuttgart 1976 (Kröners Taschenausgabe: Band 96) Achte, verbesserte und ergänzte Auflage

s. v. Catull